25.07.2006Impfung gegen Alzheimer – Strategie mit Zukunft?
Derzeit werden die verschiedensten Ansatzpunkte zur Behandlung der Alzheimer-Krankheit erforscht. Keiner hat so viel öffentliches Interesse erregt und so viel Hoffnung hervorgerufen wie die Impfung. Nach dem vorzeitigen Abbruch der Studie wegen schwerwiegender Nebenwirkungen stellt sich jetzt die Frage: Wie geht es weiter und was ist zu erwarten?
Ziel der Impfung ist es, das Gehirn von den Alzheimer-typischen β-Amyloid-Plaques (Aβ) zu befreien, nachdem diese Peptid-Akkumulation an den Neuronen bereits eingetreten ist. Ein Ansatz ist die aktive Immunisierung, die das patienteneigene Immunsystem beim Angriff auf Aβ nutzt. 1999 machten Dale B. Schenk und seine Kollegen der Elan Corporation in South San Francisco eine bahnbrechende Entdeckung: Sie injizierten Aβ in transgene Mäuse, die genetisch so verändert waren, dass sie Amyloid-Plaques bildeten. Bei den Mäusen wurde dadurch eine Immunantwort stimuliert, die die Plaquebildung in den Gehirnen junger Mäuse unterdrückte und bereits bestehende Plaques bei älteren Mäusen auflöste. Die Mäuse produzierten Antikörper, die Aβ erkannten, und diese Antikörper spornten die Immunzellen, die Microglia, offensichtlich an, die Plaques anzugreifen. Bei den Mäusen zeigten sich so deutliche Verbesserungen im Lernen und in der Erinnerung, dass sehr schnell Versuche mit Patienten genehmigt wurden. Obwohl die Injektion von Aβ erste sichere Tests durchlief, entwickelten leider einige Patienten in der Phase II-Studie eine Enzephalitis, was zum vorzeitigen Abbruch der Studie in 2002 führte. Die Nachuntersuchungen weisen darauf hin, dass die Therapie die T-Zellen des Immunsystems veranlasst haben könnte, zu aggressive Angriffe auf die Aβ-Ablagerungen zu führen und dadurch die Entzündung hervorgerufen hat. Dennoch bestätigten diese Untersuchungen, dass viele Patienten Antikörper gegen Aβ produzieren und dass diese Patienten leichte Verbesserungen in Gedächtnisleistung und Konzentration zeigen.
Die schwerwiegenden Bedenken gegenüber der aktiven Immunisierung veranlassten verschiedene Forschergruppen, die passive Immunisierung zu erproben. Das Ziel ist hier, den Patienten Antikörper zu injizieren, die die Plaques abbauen sollen. Diese Antikörper, die in Mauszellen produziert werden und genetisch darauf programmiert sind, die Abstoßung im menschlichen Körper zu vermeiden, würden sehr wahrscheinlich keine Enzephalitis verursachen, weil sie keine nachteilige T-Zellen-Antwort im Gehirn anregen. Eine von Elan Corporation entwickelte Behandlung durch passive Immunisierung ist bereits in der Phase II der klinischen Testung. Wie eine aktive oder passive Immunisierung Aβ aus dem Gehirn entfernen kann, ist etwas mysteriös, denn es ist unklar, wie genau die Antikörper die Blut-Hirnschranke überwinden können. Einiges weist darauf hin, dass der Eintritt in das Gehirn gar nicht erforderlich ist: Im Körper vorhandenes Aβ könnte durch die Antikörper abgefangen werden und zum Abbau von Aβ im Gehirn führen, weil Moleküle dazu tendieren, sich von höheren zu niedrigeren Konzentrationen zu bewegen. Obwohl die passive Immunisierung zur Zeit am viel versprechendsten ist, ist die aktive Immunisierung noch nicht aus dem Rennen. Von Cynthia Lemere in Harvard durchgeführte Vorstudien zeigen, dass Immunisierung mit ausgewählten Teilen von Aβ anstatt des kompletten Aβ die antikörperproduzierenden B-Zellen des Immunsystems stimulieren können, ohne die T-Zellen anzuregen, die für die Gehirnentzündung verantwortlich sind.
Die Möglichkeiten, die sich durch die Impfung eröffnen, z.B. die Plaques wieder abbauen zu können, haben bei Alzheimer-Patienten und ihren Angehörigen große Erwartungen geweckt und selbst die Wissenschaftler sind optimistisch – ein Wort, dass gewöhnlich nicht mit der Alzheimer-Krankheit in Verbindung gebracht wird. Aber es wird noch einige Zeit vergehen, ehe ein Impfstoff – ob aktiv oder passiv – für alle Patienten zur Verfügung steht.
Text: Dr Ellen Wiese, Alzheimer Forschung Initiative e.V.
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