02.07.2007

Visuelles Voodoo? Fernsehen und die Alzheimer Krankheit

Das Medium Fernsehen spielt eine immer wichtiger werdende Rolle bei der Freizeitgestaltung der Deutschen. Im Jahre 2006 schauten Kinder von drei bis 13 Jahren durchschnittlich 90 Minuten pro Tag fern, im Alter von 14 bis 29 Jahren waren es bereits 140 Minuten. Die 30-49-jährigen sahen jeden Tag schon mehr als drei Stunden, nämlich 209 Minuten, fern. Menschen ab 50 Jahren führten die Spitze an. Sie schauten durchschnittlich 278 Minuten, also mehr als 4,5 Stunden am Tag in die Flimmerkiste*.

Ein aktueller Artikel, der im Februar diesen Jahres in der englischen Fachzeitschrift „Biologist“ veröffentlicht wurde, holt zum Rundumschlag gegen das Medium Fernsehen aus. Aric Sigman von der British Psychological Society** beschreibt darin die negativen Auswirkungen gesteigerten TV-Konsums auf den Schlaf, das Körpergewicht und vor allem auf die Aufmerksamkeit und Kognition der jüngeren und älteren Zuschauer.

Bezüglich der Auswirkungen des TV-Konsums bei Erwachsenen zitiert Sigman unter anderem einen Artikel von Lindstrom und Kollegen aus dem Jahre 2005. Die Forscher betrachteten die Zusammenhänge zwischen Fernsehkonsum von 40-59-jährigen und der späteren Entwicklung der Alzheimer Krankheit. Der Zusammenhang zwischen anspruchsvolleren geistigen und körperlichen Freizeitaktivitäten und einem geringeren Alzheimer-Risiko wurde in der Literatur bereits mehrfach beschrieben. Nun haben die Forscher den Zusammenhang zwischen weniger stimulierenden aber weit verbreiteten Freizeitaktivitäten untersucht.

Die Resultate der retrospektiven Studie zeigen, dass Alzheimer-Patienten im Alter von 40-59 durchschnittlich mehr fernsahen als Altersgenossen, die später keine Alzheimer-Krankheit entwickelt hatten. Die Patienten beschrieben, dass ungefähr 27% der Freizeitaktivität aus Fernsehen bestand, während Nicht-Patienten nur etwa 18% ihrer Freizeit vor dem Fernseher verbracht hatten. Jede zusätzliche Stunde Fernsehkonsum pro Tag erhöhte das Risiko, später an Alzheimer zu erkranken. Auf der anderen Seite zeigte sich erneut, dass jede Stunde pro Tag, die mit geistig stimulierenden Aktivitäten wie lesen, musizieren oder handwerklichen Tätigkeiten, oder sozialen Aktivitäten wie telefonieren und Musik hören verbracht wurde, das Alzheimer-Risiko verringerten.

Eine Umfrage von Fogel und Kollegen aus dem Jahre 2006 zeigt, dass ältere Damen, die Talkshows und Seifenopern zu ihren bevorzugten Fernsehgenres zählten, in kognitiven Tests bezüglich Gedächtnis, Aufmerksamkeit und Auffassungsvermögen durchweg schlechter abschnitten, als Probandinnen, die andere Programme, wie zum Beispiel Nachrichtensendungen, bevorzugten. Ob kognitive Beeinträchtigungen mit einer Vorliebe für Seifenopern und Talkshows einhergehen oder diese erst dazu beitragen, wurde aus dem Forschungsprojekt nicht deutlich. Fakt ist jedoch, dass bestimmte Sendungen auch zuträglich für die geistige Vitalität bei Erwachsenen sein können.
 
Bezüglich der jüngeren Altersgruppe wurde bereits in mehreren Studien festgestellt, dass Kinder und Jugendliche in zunehmendem Maße an Schlafproblemen und Schlafmangel leiden. Aktuellere Studien haben Zusammenhänge zwischen Schlafproblemen und Fernsehkonsum in unterschiedlichen Altersgruppen aufgezeigt. Bei fünf- bis sechsjährigen Kindern zeigte sich, dass sowohl aktives als auch passives fernsehen (laufender Fernsehapparat im Hintergrund) mit kürzeren Schlafzeiten und Schlafstörungen einherging. Jugendliche, die mehr als drei Stunden pro Tag fernsehen, hatten, so die Forscher, als Erwachsene ein höheres Risiko unter regelmäßigen Schlafproblemen zu leiden. Obwohl sich die Wissenschaft im Bezug auf den Einfluss von Schlafstörungen auf die geistige Vitalität uneinig ist, wird empfohlen die Schafqualität zu erhöhen und vor allem auf Schlafmittel zu verzichten, welche oft einen negativen Einfluss auf die kognitive Leistungsfähigkeit haben.

Eine auf 26 Jahre angelegte Langzeitstudie mit mehr als 1000 Kindern, die 2004 veröffentlicht wurde, zeigte, dass Kinder, die im Alter von fünf bis 15 Jahren mehr als zwei Stunden pro Tag fernsahen, viele Jahre später signifikante Gesundheitsrisiken, wie zum Beispiel erhöhten Cholesterinspiegel, Übergewicht und Herz- Kreislauferkrankungen entwickelt hatten, die mit dem TV-Konsum vieler Jahre zuvor in Verbindung gebracht werden konnten.

Laut Sigman löst Fernsehkonsum den von dem russischen Mediziner Pawlow beschriebenen Orientierungsreflex aus, das heißt, die unwillkürliche Hinwendung der Aufmerksamkeit auf neue visuelle und auditive Reize. Dieser Reflex ist fast von Geburt an aktiv. Bereits Säuglinge recken ihre Hälse, um ein laufendes TV-Programm zu betrachten. Schon vor 20 Jahren fragten sich Wissenschaftler, ob das Medium Fernsehen alleine, das heißt durch stilistische Techniken wie Schnitt, Zoom, Kameraschwenk oder plötzliche Geräusche, den Orientierungsreflex auslöst. Und in der Tat erregen diese Techniken, unabhängig vom Inhalt des jeweiligen Fernsehprogramms, unwillkürlich die Aufmerksamkeit des Betrachters. Durch schnelle Schnitte und flotten Kamerawechsel in derselben Szene kann die Aufmerksamkeit des Zuschauers erhöht und gehalten werden.

Das moderne Fernsehprogramm bedient sich dieser stilistischen Techniken, was beispielsweise bei dem populären Kinderprogramm „Sesamstraße“ beobachtet werden kann. In 26 Jahren hat sich die Anzahl der Schnitte innerhalb der Sendung verdoppelt. Modernes Kinderfernsehen verlangt vom Betrachter ein permanentes Verlagern der Aufmerksamkeit, während ein bündeln und konzentrieren der Aufmerksamkeit weitaus weniger gefordert ist.

Christakis und Kollegen fanden 2004 heraus, das Fernsehkonsum mit Symptomen zusammenhing, die denen der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADS) gleichen. Kinder im Alter von einem und drei Jahren hatten als siebenjährige ein erhöhtes Risiko diese Aufmerksamkeitsdefizite zu entwickeln. Laut der Studienergebnisse wurde durch jede zusätzliche Fernsehstunde als Kleinkind die spätere Aufmerksamkeitsproblematik erhöht.

Erklärt werden solche Resultate durch den oben beschriebenen Orientierungsreflex und ein permanentes Überstimulieren der Sinne durch z. B. schnelle Schnitte und Szenenwechsel innerhalb der Sendungen. Indem das Belohnungssystem im Gehirn die Konzentration der Kinder auf diese schnell wechselnden Stimuli mit der Ausschüttung von Dopamin und anderen Neurotransmittern belohnt, wird es für sie schwieriger, die Aufmerksamkeit auf die langsamere Gangart des wirklichen Lebens zu konzentrieren – die Ausschüttung dieser Botenstoffe ist dort reduziert. Dieses Prinzip greift auch bei Computerspielen, bei denen der Spieler ebenfalls mit schnellen Schnitten, hohen Geschwindigkeiten und unnatürlichen Farben konfrontiert wird.  Medikamente gegen ADS, wie zum Beispiel Ritalin, erhöhen die Ausschüttung von Dopamin im „echten“ Leben. Erwachsene ADS-Patienen schneiden so z.B. bei Tests besser ab, das heißt, die Konzentrationsfähigkeit steigt, wenn sie vorher Ritalin eingenommen haben.
Forscher beschäftigen sich seit einigen Jahren vermehrt damit, die genaue Rolle des Belohnungssystems bei elektronischer Unterhaltung zu erforschen.

Ausschlaggebend für den Einfluss des Fernsehens auf die geistige und körperliche Gesundheit von Kindern und Erwachsenen ist laut Sigmans Artikel zusammenfassend nicht so sehr der Inhalt der gesehenen Programme, sondern die Quantität, also die Menge des Fernsehkonsums, vor allem im ersten und zweiten Lebensabschnitt.

* Mediendaten Südwest, AGF/GFK Fernsehforschung, SWR Medienforschung / Programmstrategie.
** Biologist, Vol. 54(1), Februar 2007.

Text: Christine Kerzel, AFI

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