28.11.2007

Musiktherapie bei Alzheimer

Verbinden auch Sie mit einem Lied eine bestimmte Situation oder ein Ereignis? Dass eine Melodie Erinnerungen an lange Vergangenes wecken kann, kennt sicherlich jeder von uns.

Das Langzeitgedächtnis ist Anknüpfungspunkt bei Alzheimerpatienten, da dieses länger erhalten bleibt als das Kurzzeitgedächtnis.
Deshalb kommt immer häufiger die Musiktherapie in der Altenpflege zum Einsatz, zumal das Langzeitgedächtnis auf diesem Weg stimuliert werden kann.

Professor Hans Förstl, Mitglied des wissenschaftlichen Beirates der Alzheimer Forschung Initiative e. V. erklärt, wann die Erinnerung zurückkehrt. „Bei der typischen Alzheimer-Demenz wird das wortbezogene Gedächtnis als erstes gestört. Ein großer Teil des Gedächtnisses, das so genannte implizite Gedächtnis, sei hingegen noch intakt. Die Musik setze genau dort an. Ausgelöst durch Schlüsselreize seien alte Erinnerungen plötzlich wieder da.“

Wissenschaftler der Universität in London belegen in einer Studie die Aktivierung der Gedächtnisse einer Testgruppe dementer Patienten mit Vivaldis „Vier Jahreszeiten“. Während der Studie wurden Patienten Fragen gestellt, die im Hintergrund mit Vivaldis „Winter“ untermalt wurden. Im Vergleich wurden ihnen die gleichen Fragen bei ähnlich beruhigenden und weniger bekannten Klängen und bei völliger Ruhe gestellt. Die Forscher kamen zu dem Schluss, dass die Antworten der Patienten bei musikalischer Begleitung deutlich besser waren als in der Stille.

“Kommunikationsfähigkeit: Diese ist bei Dementen oft gestört, bedingt durch fort-schreitenden Gedächtnisverlust und die begleitende Aphasie. Vor allem zu Beginn der Krankheit leiden manche Patienten sehr darunter, dass sie sich anderen nicht mehr adäquat mitteilen können. Musik ist Kommunikation auf nonverbaler Ebene. In der Gruppen-Musiktherapie eröffnet sich dem Dementen dadurch die Möglichkeit, mit anderen in Kontakt zu treten.“

Der Einfluss auf Stimmungen, die beruhigende und anregende Wirkung von Musik, wird im Zusammenhang mit Musiktherapie häufig beobachtet.
Klänge, Rhythmus und Texte sind Auslöser für Vergessenes und Emotionen.
Rhythmen, Intervalle, Anfang und Ende eines Stückes stehen in engem Zusammenhang mit dem Gefühl von Zeit, die für Demenz Kranke oft nicht mehr erlebbar ist.
Als Teil einer musizierenden Gruppe beispielsweise, erschließt sich dem Patienten ein Zeitgefühl und verhilft auf diese Weise zur Orientierung und Integration. Musik entspannt, tröstet, motiviert und verleit Antrieb. Selbst die Entwicklungsfähigkeit, wie das Spielen auf einem bisher fremden Instrument, wird bei einem gegenläufigen Abbau von Körper und Geist beschrieben.

Das Ziel ist die Verbesserung der Lebensqualität, die in Altenheimen nicht selten von einer gewissen Monotonie geprägt ist. Die Betreuung und Behandlung durch Pflegekräfte lässt Patienten passiver werden und schränkt sie somit in ihrer Autonomie ein. Ein Stück Selbstbestimmung kann durch aktives Musizieren im ansonsten eher fremdbestimmten Alltag zurück gewonnen werden. Die Sprechfähigkeit ist ebenfalls Teil der Stimulation, wenn auch nur für den Moment.

„Die meisten alten Menschen singen sehr gern, da dies in ihrer Jugend fester Bestandteil des Lebens war und viele positive Erinnerungen wachrufen kann. Daher spielt Gesang eine herausragende Rolle in der Musiktherapie mit alten und dementen Personen. Jede Stunde beginnt mit einem Begrüßungslied, das für die Gruppe geschrieben wurde, dabei wird jeder mit Namen begrüßt und einzeln angesprochen. Dieses Lied zu Beginn ist ein kleines Ritual, das Dementen die Orientierung erleichtert. Sie wissen, dass die Stunde begonnen hat, können die Namen der anderen Teilnehmer wiederholen und fühlen sich in eine Gruppe integriert.“

Pflegenden wird empfohlen in der Biographie Ihrer Patienten nach Vorlieben zu recherchieren in dem man beispielsweise Angehörige dazu befragt. Denn eventuelle Abneigungen gegen bestimmte Musikstile können gegenteilige Wirkungen hervorrufen. Es sollte also ein positiver persönlicher Bezug zum Patienten existieren.

Weitere Informationen finden Sie unter www.musiktherapie.de

Quelle: PS Allgemeine Psychologie: Musikpsychologie. Univ. Prof. Dr. Erich Vanecek, WS 03/04 Musiktherapeutische Behandlung spezifischer Störungen: Mentale Beeinträchtigungen

 

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