08.03.2007

Durchbruch in Hirnforschung: Zellen sterben nicht ab - Alzheimer und Parkinson bald heilbar?

Göttinger Wissenschaftlern ist ein Durchbruch in der Hirnforschung gelungen: Sie haben die Ursache für Demenzerkrankungen entdeckt. Nicht der Tod von Nervenzellen, wie bisher angenommen, sondern Störungen an Nervenzell-Kommunikationsknotenpunkten verursachen die Gedächtnisstörungen. Damit ergeben sich völlig neue Ansätze für die Erforschung von Therapie-Maßnahmen bei neurodegenerativen Erkrankungen.

Parkinson, Creutzfeldt-Jakob und Alzheimer - all diese neurodegenerativen Erkrankungen haben eine Gemeinsamkeit: In den Nervenzellen des Gehirns verklumpen Eiweiße zu schädlichen Ablagerungen. Bisher ging man davon aus, dass Demenzerkrankungen in Folge einer Ansammlung von großen, schädlichen Eiweißablagerungen, sogenannten Lewy-Körperchen, zum Tod von Nervenzellen führen würden. Wobei die Patienten nach und nach ihre geistigen Fähigkeiten verlieren, im Fall von Parkinson nicht mehr die Kontrolle über die Motorik, bei Alzheimer nicht mehr die Kontrolle über Zeit und Raum besitzen.

Lehrmeinung korrigieren
Die bisherige Lehrmeinung muss nun offensichtlich korrigiert werden, nachdem der Göttinger Neuropathologe Walter Schulz-Schaeffer und sein Kollege, der Biochemiker Michael Kramer, herausgefunden haben, dass die Zellen zunächst nicht untergehen, sondern nur in ihrer Funktion gestört sind. "Diesen Funktionsverlust können wir jetzt auch erklären und in Zusammenhang mit den Ablagerungen von diesen Protein-Aggregaten oder Verklumpungen bringen", sagt Schulz-Schaeffer im ZDF-heute-journal. "Wir können jetzt zeigen, dass die Ablagerungen an den Kontakten der Nervenzellen stattfinden."

Ursache für die Funktionsstörung bei der Überleitung von Signalen sind schädliche Einlagerungen in Form einer Vielzahl von feinen Eiweißverklumpungen (Alpha-Synuclein-Aggregate) in der Senderseite von Synapsen, den Kontaktstellen von Nervenzellen. Dabei wird die Signalweitergabe gehemmt und die schädlichen Eiweißanlagerungen verstopfen zunehmend den Energiefluss. In Folge dessen verkümmert die Empfängerseite von Signalen in den Synapsen, die Dendriten-Knospen ziehen sich zurück.

Die Nervenzellen selber überleben aber zunächst. "Die Zelle ist noch da. Und wenn die Zelle noch da ist, und nicht untergegangen ist, dann haben wir denkbarerweise die Möglichkeit, hier auch zu helfen", erklärt Schulz-Schaeffer. "Das heißt also, es eröffnet sich für uns die Möglichkeit, dass eine neurodegenerative Erkrankung aus dem Formenkreis der Alzheimerischen Erkrankung, plötzlich therapierbar wird, dass wir eine Möglichkeit finden, gegen die Krankheit vorzugehen."

Zwei Methoden
Zu diesen Forschungsergebnissen kamen die Wissenschaftler der Neuropathologie in Göttingen mit zwei dort entwickelten Methoden. Der sogennnten Pet-Blot-Methode, die von Schulz-Schaeffer erfunden wurde, und mit einer speziellen Mikrofiltrationstechnik, die der Biochemiker Michael Kramer entwickelte, und mit der die feinen alpha-Synuclein-Aggregate in den Nervenkontaktstellen nachgewiesen werden konnten.
"Anders als bisher vermutet, sind die Lewy-Körperchen wahrscheinlich das Ergebnis des erfolgreichen Versuchs der Zellen, die schädlichen kleinen Aggregate beiseite zu räumen", so Kramer. "Gelingt es der Zelle nicht, bereits kleinste Eiweißablagerungen aus den entfernten Verästelungen in das Zentrum der Zelle zu transportieren, wird die Zell-Zell-Kommunikation an den Synapsen gestört." Diese neuen Erkenntnisse fasst der Neuropathologe Dr. Schulz-Schaeffer so zusammen: " Diese Beobachtungen erlauben uns ein völlig neues Verständnis der krankheitsauslösenden Prozesse bei neurodegenerativen Krankheiten wie der Demenz mit.

"Ein echter Durchbruch"
Demenzforscher anderer Universitäten stufen diese neuen Entdeckungen als "aufsehenerregend" ein, nachdem diese im international renommierten Fachmagazin "Journal of Neuroscience" veröffentlicht worden sind. "Ich denke, es ist ein echter Durchbruch, was die Grundlagenwissenschaft anbetrifft. Spektakulär, aber auch, was die Bedeutung für den Patienten, insbesondere für die Prävention, die Vorsorge betrifft", sagt Prof. Dr. Konrad Beyreuther von der Universität Heidelberg im heute-journal. Beyreuther ist selbst ein anerkannter Alzheimer-Forscher und als Mitentdecker des BSE-Erregers bekannt.

Weshalb sich die schädlichen Eiweißablagerungen im Gehirn bilden, ist noch nicht erforscht worden. Allgemein jedoch werden diese mit Stoffwechselstörungen in Verbindung gebracht. Die Göttinger Forscher wollen nun herausfinden, wie die Ablagerungen an den Stellen, an denen sie Störungen verursachen, abgebaut oder abtransportiert werden können. Die Gehirnforscher sind zuversichtlich, dafür zukünftig ein Rezept zu haben.

Weitere Informationen finden Sie auf der WEbsite des ZDF - ZDfmediathek und auf der Webseite des „Journal of Neuroscience“
Kontakt zum Institut: Institut für Neuropathologie, Universität Göttingen.

Quelle: heute.de

 

Zurück zur Übersicht