28.01.2009

Nicht-medikamentöse Therapie der Alzheimer-Krankheit

Bei der Behandlung chronischer Erkrankungen spielen nicht-medikamentöse Therapien eine große Rolle. Sie helfen zum Beispiel, die Teilnahme der Patienten am gesellschaftlichen Leben so lange wie möglich aufrecht zu erhalten. Es gibt eine ganze Reihe von unterschiedlichen Therapieansätzen, die je nach Symptomatik und Grad der Erkrankung eingesetzt werden können und sowohl patienten- als auch umgebungsbezogen ausgerichtet sind. Grundsätzlich sollten individuelle Bedürfnisse und Vorlieben der Betroffenen bei der Behandlung und Pflege im Mittelpunkt stehen.

Phasen der Alzheimer-Krankheit
Der Beginn der Alzheimer-Krankheit kennzeichnet sich unter anderem durch Merkfähigkeitsstörungen und Anpassungsstörungen. Die Patienten zeigen leichte Gedächtnisstörungen und Gemütsschwankungen und sie lernen und reagieren langsamer. In der mittleren Phase der Erkrankung treten zunehmend Probleme bei der Bewältigung des Alltags auf. Sprache und Auffassungsgabe werden langsamer und Patienten vergessen oft mitten im Satz, was sie sagen wollten. Der Betreuungs- und Pflegebedarf steigt. Im späten Krankheitsstadium können Aggressivität und Wahnvorstellungen auftreten (vereinzelt ist dies auch schon im frühen Stadium der Fall). Wenn Alzheimer-Patienten spüren, dass sie die Kontrolle verlieren, können sie auch depressiv, irritiert oder unruhig werden.

Je nachdem in welchem Maße die unterschiedlichen Krankheitssymptome bei einem Patienten auftreten, gibt es andere Ansatzpunkte für die Therapie. Während sich im frühen Stadium einer Demenz-Erkrankung eher Therapieansätze eignen, die der Krankheitsbewältigung und der Unterstützung der Merkfähigkeit dienen, sollte im Verlauf der Krankheit verstärkt auf die Angehörigenbetreuung und auf den Erhalt alltagspraktischer Fähigkeiten seitens des Patienten eingegangen werden.

1. Patientenbezogene Therapieansätze
Patientenbezogene Therapieansätze richten sich direkt an die betroffene Person selbst. Hierzu zählen kognitive, verhaltenstherapeutische, emotionsorientierte sowie aktivitätsorientierte Ansätze.

Kognitive Therapie
Der kognitive Ansatz zielt auf die Aktivierung und Reaktivierung kognitiver Funktionen. Dieser Ansatz eignet sich besonders für die Therapie im frühen Stadium einer Demenz, denn das Erlernen von Ausweichstrategien ist trotz eingeschränkter Merkfähigkeit möglich. Die kognitive Stimulation umfasst viele Möglichkeiten: Sie beinhaltet einerseits Übungen zum Erhalt kognitiver Grundfunktionen, wie der Konzentrationsfähigkeit, oder für spezifische Leistungsbereiche (zum Beispiel spezielle Gedächtnisübungen oder Rechenfähigkeit). Gut funktioniert der Bezug auf im persönlichen Umfeld relevantes Wissen. Die kognitiven Funktionen können spielerisch in Gruppen und in Kombination mit körperlicher Bewegung trainiert werden, möglichst unter professioneller Anleitung.

Eine im häuslichen Rahmen durchgeführte Aktivierung der Patienten kann durch Leistungsdruck und Ungeduld gelegentlich zu negativen Reaktionen des Erkrankten führen. Besonders wichtig ist es, Patienten weder zu überfordern, noch sie mit ihren Fehlern zu konfrontieren. „Gehirnjogging“, wie es bei Senioren sehr beliebt und hilfreich ist, ist für Demenz-Patienten ungeeignet.

Verhaltenstherapie
Der verhaltenstherapeutische Ansatz basiert auf der Verstärkung erwünschten Verhaltens durch Belohnung. Hierzu zählen neben der Verhaltenstherapie auch einzelne abgewandelte und kombinierte Behandlungen wie das verhaltenstherapeutische Kompetenztraining. Insbesondere der Aufbau von Aktivitäten, sowie der Fokus auf erhaltene Kompetenzen scheinen positive Effekte zu haben und gleichzeitig depressive Symptome zu reduzieren. Durch die Anwendung von Verhaltenstherapie kann zu Beispiel die Selbstständigkeit des Patienten erweitert, sowie verloren gegangene Kompetenzen zurückgewonnen werden.

Sowohl der kognitive als auch der verhaltenstherapeutische Ansatz zielen auf den Aufbau von Fertigkeiten, die den Patienten eine Bewältigung von Alltagsaufgaben oder einen realitätsnahen Umgang mit damit ermöglichen sollen.

Emotionsorientierter Ansatz
Zu diesem Ansatz gehört unter anderem die bekannte Validationstherapie. Dabei stehen die unbedingte Wertschätzung der Gefühle und der Erlebenswelt des Patienten und die Mobilisierung noch vorhandener Ressourcen im Mittelpunkt. Bei herausforderndem Verhalten soll zum Beispiel versucht werden, dies als Reaktion auf die Erkrankung vor dem Hintergrund der individuellen Biographie zu verstehen und sie in einen lebensgeschichtlichen Sinnzusammenhang einzubinden.

Die Selbst-Erhaltungs-Therapie und die biographieorientierte Erinnerungstherapie sind weitere emotionsorientierte Behandlungskonzepte. Auch hier soll die subjektive Sicht und Wahrnehmung des Betroffenen im Zentrum stehen, womit dem Erkrankten ein Gefühl der persönlichen Identität, Kontinuität und Kohärenz vermitteln werden soll.

Ansätze zur Beruhigung und Aktivierung
Zu den Behandlungen, die auf eine Aktivierung oder Beruhigung ausgerichtet sind, zählen sinnes- und bewegungsbezogene Ansätze wie das Snoezelen. Mit Hilfe dieser Form der multisensorischen Stimulation sollen sowohl Veränderungen im Verhalten, in der Interaktion und Kommunikation mit anderen, sowie im Erleben der Betroffenen erzielt werden. Wir haben vor einiger Zeit ausführlich über diese Therapieform berichtet.

Weitere Behandlungskonzepte sind unter anderem die Aromatherapie, Lichttherapie, Therapie mit Tieren, sowie die  Kunst-, Tanz- und Musiktherapie Zur Behandlung allgemeiner Symptome werden auch Akupunktur, Logopädie und Physiotherapie eingesetzt. Die Ergotherapie scheint bei der Verrichtung von Alltagsaktivitäten und der Steigerung der Lebensqualität von Betroffenen und Angehörigen gute Ergebnisse zu erzielen, besonders wenn die Therapie im häuslichen Umfeld stattfindet.

2. Umgebungsbezogene Ansätze
Zu den umgebungsbezogenen Ansätzen zählen Interventionen auf ökologischer und sozialer Ebene. Hier kommt insbesondere die Milieu-Therapie zum Einsatz. Sie ist auf die Anpassung bzw. Gestaltung des Wohn- und Lebensbereiches und der sozialen Umgebung der Betroffenen ausgerichtet. Hierzu zählen z.B. kleine und gemeindenahe Versorgungseinrichtungen im Gegensatz zu den klassischen Pflegestationen. Ziel der Milieu-Therapie ist es, den Betroffenen eine adäquate Orientierung, Sicherheit und Geborgenheit einerseits, sowie eine Unterstützung der Funktionsfähigkeit und den weitgehenden Erhalt der eigenen Kompetenzen zu ermöglichen.

Auf der sozialen Ebene lässt sich das Training des Pflegepersonals und der pflegenden Angehörigen einordnen. Ziele des Trainings sind insbesondere das Verständnis für die Defizite von Demenzpatienten, die Unterstützung noch vorhandener Ressourcen und die Verbesserung kommunikativer Fähigkeiten. In diesem Rahmen werden auch Einzel- und Gruppengespräche eingesetzt, in denen der Informations- und Erfahrungsaustausch im Vordergrund stehen. Als sehr hilfreich für Angehörige erweisen sich Angehörigen-Selbsthilfegruppen, die unter anderem von den Regionalgruppen der Deutschen Alzheimer Gesellschaft angeboten werden. Gerade bezüglich des hohen Risikos einer depressiven Erkrankung bei pflegenden Angehörigen sind diese Angehörigenprogramme unverzichtbar.

Ausführliche Literatur zu den einzelnen Therapieansätzen finden Sie im gut sortierten Buchhandel und im Internet.


Quellen:
M. Hüll und S. Voigt-Radloff (2008). Nichtpharmakologische Behandlungsmethoden bei Demenzen. Nervenarzt, 79:159-166.

M. Hüll (2008). Alzheimer-Therapiespektrum: Alles auf einen Blick. Ärztliche Praxis Neurologie Psychiatrie, Sonderausgabe 7: 30-35.

Clinicum (Sonderausgabe Nov. 2007). Alzheimer-Krankheit, Management aus multidisziplinärer Sicht.

 

Zurück zur Übersicht