21.09.2009

ICAD 2009: Neues aus der Alzheimer Forschung

Fast 4.000 Alzheimer-Forscher aus über 70 Ländern trafen sich Mitte Juli in Wien zur Internationalen Alzheimer Konferenz. Fünf Tage stellten die Wissenschaftler neue Erkenntnisse über die Ursachen, Diagnose und Therapiemöglichkeiten sowie Risikofaktoren und Vorbeugestrategien vor. Die Konferenz ist der wichtigste internationale Treffpunkt, um Ideen und Erfahrungen auszutauschen.

Schwerpunkte lagen dieses Jahr auf Vorbeugemaßnahmen, Erkennung von leichten kognitiven Störungen (LKS) und frühe Diagnoseverfahren. Die Zwischenergebnisse vieler Studien wurden ebenfalls vorgestellt.

Weltweit leiden heute mehr als 26 Millionen Menschen an Alzheimer und anderen Demenzen und bis 2050 soll die Zahl auf 100 Millionen steigen. „Die Kosten für die Versorgung der jetzt und in den nächsten Jahren von der Alzheimer-Krankheit Betroffenen werden die Gesundheitssysteme ruinieren“ sagte Dr. William Thies, Vorsitzender des medizinischen und wissenschaftlichen Beirates der Alzheimer’s Association. „Glücklicherweise tut sich viel auf diesem Gebiet und wir erwarten schon bald Verbesserungen im Bereich der Diagnostik, Pflege, Behandlung und Vorbeugung. Wie schnell wir dorthin gelangen“ so Thies weiter, „hängt einzig und allein von unseren Investitionen in die Forschung ab. Wir benötigen mehr staatliche und private Mittel für die Alzheimer-Forschung, damit wir von den bereits erlangten Fortschritten profitieren.“

Gute und überraschende Nachrichten

Was dem Herzen gut tut hilft auch dem Gedächtnis, das zeigten gleich mehrere Studien. Ernährung und Bewegung senken nicht nur den Blutdruck sondern können auch dazu beitragen, das Gedächtnis und die geistigen Fähigkeiten im Alter aufrecht zu halten.

Alzheimer und andere Demenz sind sogar bei den „Allerältesten“, das sind Menschen über 90 Jahre, auf dem Vormarsch. Ältere Studien hatten noch vermuten lassen, dass die Anzahl der Menschen, die an Alzheimer erkranken, ab einem Alter von 90 gleich bleibt oder sogar abnimmt. Prof. Ugo Lucca, Mailand, beobachtete 2.138 Personen mit einem Durchschnittalter von 87,5 Jahren über 3 Jahre. „Die Studie bestätigt, dass Alzheimer und andere Demenzen unter den Allerältesten in unserer Gesellschaft sehr weit verbreitet sind“, sagte Lucca. Bei den 85-89 Jährigen waren 30,8 Prozent betroffen, bei den 90-94 jährigen waren es schon 39,2 Prozent und bei den über 94jährigen litten 52,8 Prozent an einer Demenz. Bei dieser Altersgruppe handelt es sich um das am stärksten wachsende Bevölkerungssegment in der westlichen Welt.

Frühe Diagnose und Biomarker

Immer wieder wurde darauf hingewiesen, wie wichtig frühe Diagnose ist, um rechtzeitig therapeutisch gegensteuern zu können. Ein Ziel ist es, schon bei leichten kognitiven Störungen zu erkennen, ob die Person in Zukunft an Alzheimer erkranken wird oder nicht. Das Pharmaunternehmen Bayer AG stellte einen neuen Marker vor, der an die Alzheimer-typischen Plaques im Gehirn andockt und diese im Positronen-Emissions-Tomographen sichtbar macht, bevor die ersten Symptome auftreten. Tests der Phase III sollen noch in diesem Jahr anlaufen.

Zur Zeit ist eine Kombination von Psychometrischen Tests und Biomarkern die sicherste Methode, um eine Alzheimer-Erkrankung vorauszusagen. Biomarker aus der Rückenmarksflüssigkeit zu ermitteln ist heute die einzige Methode. Viele Forscher suchen daher nach Biomarkern, die aus dem Blut gewonnen werden können, so auch Privat-Dozentin Dr. Edna Grünblatt von der Universität Würzburg. Im Rahmen der VITA- (Vienna-Transdanube-Alterungs)-Studie, die über 600 Einwohner Wiens einschließt, die zu einem Stichtag genau 75 Jahre alt waren, sucht sie im Blut nach genetischen Veränderungen, die auf die Alzheimer-Krankheit hinweisen. Die Personen werden alle 2,5 Jahre untersucht, so dass Änderungen im Blut verfolgt werden können.

Große Dimebon-Studie läuft an

Erste Ergebnisse einer kleinen Phase III Studie legen nahe, dass der Wirkstoff Dimebon die kognitiven Fähigkeiten und Alltagsaktivitäten bei Patienten mit leichter bis moderater Alzheimer-Krankheit zu verbessern scheinen. Die Wirkweise ist allerdings noch unklar. Überraschenderweise fanden die Forscher, dass Dimebon im Tierversuch zu einem Anstieg von β -Amyloid Plaques in Gehirn geführt hat. β-Amyloid ist ein typisches Merkmal der Alzheimer-Demenz und wird für das Fortschreiten der Krankheit verantwortlich gemacht. Das Ergebnis ist völlig unerwartet, da die meisten Medikamente die Auflösung oder Verminderung vom β -Amyloid Plaques als Ziel haben.
Nun laufen weltweite Studien an, auch in Deutschland, um die Wirkung von Dimebon an einer größeren Patientengruppe zu verifizieren.

Einen neuen Weg beschreiten australische Forscher mit der Substanz PBT2, einem Abkömmling des Antibiotikums Clioquinol. Interaktionen zwischen β -Amyloid und Metallionen wie Kupfer und Zink sollen verhindert werden. Die Gedächtnisleistung konnte bei Alzheimer-Patienten nicht verbessert werden, aber in Wortflüssigkeits-Tests konnten sie mehr Wörter wieder geben als unter Placebo. Auch hier müssen weitere Studien die Wirksamkeit nachweisen.

Weitere Studien zum Amyloid-Abbau laufen mit Impfstoffen und Sekretase-Hemmstoffen. Noch liegen keine endgültigen Ergebnisse vor.

Was tut sich beim Methylenblau?

Letztes Jahr konnte gezeigt werden, dass Methylenblau, das im Laborversuch das Tau-Protein, das zweite typische Kennzeichen der Alzheimer-Krankheit, auflöst, bei Alzheimer-Patienten die kognitiven Eigenschaften verbessert. Nun wurde eine Phase II Studie zur Dosisfindung abgeschlossen. Bei Patienten mit moderater Alzheimer-Erkrankung zeigte die Behandlung mit modifiziertem Methylenblau einen geringeren Abbau der kognitiven Leistung als unter Placebo. Die Ergebnisse sind so ermutigend, dass nun eine große Studie geplant ist, die mindestens ein Jahr laufen soll.

Ein neuer Ansatz, das Tau-Protein zu bekämpfen, wurde in Israel entwickelt. Prof. Hanna Rosenmann stellte erste Ergebnisse eines Tierversuches vor, in dem eine Impfung gegen Tau-Protein geprüft wurde. Die Sicherheit und Wirkung muss allerdings noch weiter geprüft werden, ehe Menschen geimpft werden können.

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