09.09.2009

Forschungsverbund entdeckt weitere Gene für die Alzheimer-Demenz

Isolierte NervenzelleIn Deutschland leiden derzeit schätzungsweise 1,2 Millionen Menschen an der Alzheimer-Demenz. Für die nächsten 20 Jahre wird aufgrund der längeren Lebenserwartung mit einer Verdopplung der erkrankten Personen gerechnet. Während nur 2-3 Prozent bei den 70-75-Jährigen betroffen sind, steigt die Häufigkeit der Erkrankung mit zunehmendem Alter an, bei den über 90-Jährigen leidet bereits fast die Hälfte an Demenz.

(Abb.: Isolierte Nervenzelle, © Max-Planck-Institut für Entwicklungsbiologie/Jürgen Berger)


Die häufigste Form der Demenzerkrankungen ist die Alzheimer-Demenz. Zu den Symptomen zählen der Verlust der geistigen Funktionen wie Denken, Erinnern, Orientierung und Verknüpfen von Denkinhalten die dazu führen können, dass alltägliche Aktivitäten nicht mehr eigenständig durchgeführt werden können.

Alzheimer-Risikofaktor Erbanlage

Ein Teil des Risikos für die späte Form der Alzheimer-Erkrankung wird genetischen Einflussfaktoren zugeschrieben. Bisher kennt man allerdings nur eine einzige Erbanlage, die dabei mit Sicherheit eine wichtige Rolle spielt: das Gen für Apolipoprotein E, dessen Variante ApoE 4 die Erkrankungswahrscheinlichkeit um das zwei- bis vierfache erhöht. Das Gen für ApoE erklärt aber nur einen kleinen Teil der gesamten genetischen Risikos. Es muss also noch mehrere weitere Krankheitsgene geben. Weltweit suchen Forscher daher fieberhaft nach weiteren Erbanlagen - bislang ohne Erfolg: "Zwar gab es viele hoffnungsvolle Kandidaten", sagt Professor Dr. Markus Nöthen von der Universität Bonn. "Bei keinem von ihnen konnte man den Zusammenhang zur Alzheimer-Demenz aber eindeutig nachweisen."

Einem der weltweit größten Konsortien auf dem Gebiet der Alzheimer Genetik unter der Leitung von Prof. Julie Williams von der University of Cardiff, zu welchem unter anderen auch Wissenschaftler aus Hamburg-Eppendorf, Berlin, Erlangen, Duisburg-Essen, München, Freiburg und Bonn beigetragen haben, ist nun eine entscheidende Entdeckung gelungen.

Neu entdeckt: Gene Clusterin und PICALM

Fast 20 Jahre nach der bahnbrechenden Beschreibung des Apolipoprotein e4 Allels als genetischem Risikofaktor der Alzheimer-Krankheit durch Prof. Allen Roses Anfang der 90iger Jahre, sind jetzt neue wichtige Risikogene für die bedeutende Volkserkrankung gefunden worden. Der internationale Forschungsverbund konnte mit einer Genom-weiten Assoziationsstudie zwei weitere Gene identifizieren, das Clusterin (CLU)- und das PICALM-Gen. Diese beiden Gene sind wichtig für die Funktion von Nervenzellen und sind am Stoffwechsel derjenigen Eiweiße beteiligt, die im Gehirn von Patienten mit Alzheimer-Demenz verstärkt abgelagert werden.

CLU und PICALM beeinflussen den Stoffwechsel der Eiweißsubstanzen im Gehirn von Alzheimer-Patienten ungünstig. Beide Gene erklären jeweils etwa neun Prozent des Risikos. Somit werden in Zukunft sicher noch weitere Gene gefunden werden, die aber vermutlich jeweils nur einen geringeren Beitrag zum Demenzrisiko vermitteln, als die drei jetzt beschrieben Gene (ApoE4, etwa zwei- bis vierfaches Risiko, Clusterin und PICALM jeweils etwa 1,2-faches Risiko).

Wichtige Ansatzpunkte für neue Therapien

Die spät beginnende Alzheimer-Krankheit betrifft heute allein in Deutschland etwa eine Million Menschen. Die Demenzerkrankung führt zur fortschreitenden Pflegebedürftigkeit. Die Anzahl Betroffener wird mit steigender Lebenserwartung in naher Zukunft stark zunehmen. Eine wirkliche Therapie der Alzheimer-Krankheit gibt es bisher nicht, da man die Ursachen nicht genau kennt. Die aktuellen Behandlungsstrategien können den Krankheitsverlauf lediglich verzögern.

"Aus den jetzt publizierten Ergebnissen ergeben sich neue potenzielle Anhaltspunkte für kausale Therapien", betont Professor Maier, Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Universitätsklinikum Bonn. "Angesichts der enormen Bedeutung dieser Erkrankung sind derartige Fortschritte extrem wichtig."

Prof. Hampel, Klinikum der Universität München, bewertete die Ergebnisse der Studie ebenfalls als äußerst viel versprechend, die Daten könnten ab sofort entscheidend für die Aufklärung der für die Alzheimer-Krankheit pathologisch verantwortlichen molekularen Mechanismen und zur essentiellen Entwicklung Biologischer Marker beitragen.

"Die Ergebnisse der neuesten Studie unter Beteiligung europäischer und amerikanischer Gruppen sind im Vergleich zu vielen älteren Studien sehr sicher, da das gesamte Genom von mehr als 16.000 Menschen untersucht wurde," so Prof. Dr. Michael Hüll, Leiter des Zentrums für Geriatrie und Gerontologie Freiburg. „Wie bei ApoE4 werden die neuen Befunde zu Clusterin und PICALM weitere Forschungen dazu anregen, wie über eine Beeinflussung dieser Gene die Alzheimer-Erkrankung hinausgezögert werden kann.“

Weitere Informationen:
Abstract der Studie auf der Webseite der Zeitschrift “Nature Genetics”:
http://www.nature.com/ng/journal/vaop/ncurrent/abs/ng.440.html

Quellen:
innovations report http://www.innovations-report.de
Ärzte Zeitung http://www.aerztezeitung.de/
Informationsdienst Wissenschaft e.V. http://idw-online.de/
Pressestelle der Universität Bonn  http://www3.uni-bonn.de/Pressemitteilungen

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