09.03.2010

Rauchen und die Alzheimer-Krankheit

Regelmäßig wird über die Gesundheitsgefahren durch Nikotin berichtet und längst gilt es als sicher, dass das Rauchen die Krebsgefahr erhöht und zu Herz- und Lungenkrankheiten führen kann. Bezüglich eines Zusammenhangs mit der Alzheimer-Krankheit gab es in der Vergangenheit immer wieder gegenteilige Studienergebnisse. Auf der einen Seite wurde gemeldet, dass Menschen, die häufig zum Glimmstängel greifen, ein höheres Alzheimer-Risiko haben als Nichtraucher. Auf der anderen Seite wurde immer wieder publiziert, dass Rauchen den Ausbruch der Alzheimer-Krankheit verzögern oder die Plaquesbildung gar verhindern soll.

Genauere Betrachtung von 43 Studien zeigt differenziertes Bild

Jetzt hat eine Metaanalyse von 43 wissenschaftlichen Studien ergeben, dass diese unterschiedlichen Ergebnisse wohl nicht unwesentlich durch den Faktor „Interessenskonflikt“ geprägt wurden. Vor allem kommt es auf das Verhältnis der jeweiligen Wissenschaftler zur Tabakindustrie an, ob Rauchen als Risikofaktor für Alzheimer gilt oder nicht. Zu diesem Schluss kamen Wissenschaftler der University of California in San Francisco in der Fachzeitschrift Journal of Alzheimer's Disease.

Die Prüfung der Studien, die zwischen 1984 bis 2007 durchgeführt wurden, folgte folgenden Kriterien: Studienaufbau, Qualität des Magazins in dem die Ergebnisse publiziert wurden, Zeitpunkt der Veröffentlichung und die Verbindung der Autoren mit der Tabakindustrie. „Um herauszufinden, ob die Studienautoren Verbindungen zur Tabakindustrie haben oder hatten, untersuchten das Team der Universität aus Kalifornien die derzeitige und frühere Finanzierung der Forschungen sowie Anstellungen, Beratertätigkeiten oder Zusammenarbeit mit anderen Personen, die derzeit oder früher Geld von der Tabakindustrie erhielten“, berichtet Dr. Curt Beil vom Berufsverband Deutscher Neurologen (BDN).

Die Nähe der Autoren zur Industrie konnte in jeder vierten Studie nachgewiesen werden. Genau diese Studien waren es dann auch, die den Schluss gezogen hatten, dass Rauchen den Ausbruch von Alzheimer verzögern kann oder sogar davor schützt. „Forscher, die Verbindungen zur Tabakindustrie hatten, fanden im Schnitt einen Risikofaktor von 0,86, also eine Verringerung des Alzheimer-Risikos durch das Rauchen“, so Beil. In den Studien, die keinen derartigen Interessenskonflikt aufwiesen, zeigte sich hingegen ein um 1,72-fach höheres Alzheimer-Risiko bei Rauchern, was quasi eine Verdoppelung der Gefahr bedeutet.

Die Studienleiterin Janine Cataldo betont, dass "ähnliche, früher durchgeführte Metaanalysen diesen Faktor des Interessenskonfliktes nicht berücksichtigt haben". Dadurch sei über Jahre hinweg in den Medien der Mythos verbreitet worden, dass Rauchen vor Alzheimer schützt. "Die Auswirkungen von Alzheimer auf die Lebensqualität der Betroffenen wie auch auf das Gesundheitssystem steigt ständig. Eine genaue Klärung seiner Risikofaktoren - wozu besonders das Rauchen gehört - ist somit wichtig", so die US-Forscherin.

Aktuelle Studie über die Gefahr durch Nikotinrückstände

Weniger bekannt als die Risiken des Rauchens und Passivrauchens sind die Gefahren, die von Nikotinbelägen bzw. -rückständen in der Kleidung oder auf Teppichen und Möbeln ausgehen. Experten gehen schon seit längerem davon aus, dass diese Giftstoffe, die sich in Geweben und auf Oberflächen anlagern und bei verschiedensten Gelegenheiten immer wieder aufgewirbelt werden, schädlich für die menschliche Gesundheit sind.

Ein Forschungsteam des Lawrence Berkeley National Laboratory in Kalifornien kam jetzt in einer neuen Studie dem Ziel näher, das tatsächliche Gesundheitsrisiko der auch „Third Hand Smoke“ genannten Rückstände zu ermitteln. Sie fanden Substanzen, die im Verdacht stehen, Krebs auslösen zu können. Nach den Ergebnissen der amerikanischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler reagiert das Nikotin mit Bestandteilen der Innenraumluft – es entstehen neue Schadstoffe, die sogenannten Nitrosamine. Für einige dieser Nitrosamine konnte eine krebserregende Wirkung belegt werden.

Die beschriebene chemische Reaktion konnte das Forscherteam in Laborversuchen nachbilden. Außerdem fanden sich die Nitrosamine auch in Lastwagen, deren Innenräume regelmäßig Tabakrauch ausgesetzt waren. Nitrosamine bauen sich relativ langsam ab, Expertinnen und Experten gehen von einer Halbwertzeit von zwei Stunden aus.

„Mit dem Rauchen Aufhören lohnt sich auch noch im höheren Alter, denn so lässt sich die Gefahr, dement zu werden, erheblich senken. Sicherlich ist es für die Gesundheit umso besser, je frühzeitiger auf das Rauchen verzichtet wird, weil dadurch die Gefahr von weiteren bleibenden, gesundheitlichen Schäden - wie zum Beispiel einer chronisch obstruktiven Lungenerkrankung, Lungenkrebs und Gefäßkrankheiten - geringer wird. 

Aber selbst wer es schafft, erst mit 70 Jahren von seinem Laster loszukommen, kann damit immerhin sein Risiko, an Alzheimer oder einer Demenz zu erkranken, erheblich senken. Und dies allein schon sollte doch ein guter Grund mehr sein, das Rauchen endlich aufzugeben“, so Dr. Michael Barczok, Vorstandsmitglied des  Bundesverbandes der Pneumologen.

Weitere Informationen:
•    Den Abstract der Übersichsstudie “Cigarette Smoking is a Risk Factor for Alzheimer's Disease: An Analysis Controlling for Tobacco Industry Affiliation” finden Sie auf der Seite des „Journal of Alzheimer’s Disease“ http://iospress.metapress.com/content/x880352113361jk4/?p=dcde4c4f0d664975950450bb1c467e59π=7
•    Die Recherche bezüglich der Verbindung von Autoren mit der Tabakindustrie wurde durchgeführt auf „The Legacy Tobacco Documents Library (LTDL)“ http://legacy.library.ucsf.edu/
•    Die Studie “Formation of carcinogens indoors by surface-mediated reactions of nicotine with nitrous acid, leading to potential thirdhand smoke hazards” (Abstract sowie PDF-Version) finden Sie auf der Webseite der Fachzeitschrift „PNAS“ http://www.pnas.org/content/early/2010/02/04/0912820107.full.pdf+html

Quellen:
•    Neurologen und Psychiater im Netz www.neurologen-und-psychiater-im-netz.de
•    Lungenärzte im Netz www.lungenaerzte-im-netz.de  
•    Rauchfrei-Info-Portal der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) www.rauchfrei-info.de

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