18.05.2010

Pressegespräch „Neue Ansätze in der Alzheimer-Forschung“ mit anschließender Laborbesichtigung

Mehr als eine Million Menschen in Deutschland leiden nach Expertenschätzungen an Alzheimer. Die Zahl wird sich in den nächsten 20 Jahren auf über zwei Millionen erhöhen, da die Menschen immer älter werden. Laut aktuellen Zahlen wird sich die Zahl der Hundertjährigen in Deutschland innerhalb der nächsten 50 Jahre verzwanzigfachen.

Die Ursachen der Alzheimer-Krankheit sind nach wie vor ungeklärt, auch wenn in den letzten Jahren viele Erkenntnisse zum Verständnis der Krankheitsprozesse beitragen. Noch gibt es keine Medikamente, die die Krankheit heilen oder endgültig stoppen können. 

Universität Frankfurt: ein Zentrum der Alzheimer-Forschung

Frankfurter Wissenschaftler verschiedener Institute arbeiten an der Fragestellung, was bei Alzheimer in den Gehirnzellen passiert, an neuen Diagnosemethoden, Therapiestrategien sowie an Vorbeugemaßnahmen. Viele der Forschungsprojekte waren so herausragend, dass die Alzheimer Forschung Initiative e.V. (AFI) sie finanziell förderte. Vier der ausgezeichneten Forscher stellten ihre Ergebnisse in einem Pressegespräch vor.

Prof. Dr. Walter E. Müller, Direktor des Pharmakologischen Instituts der Universität Frankfurt und Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats der Alzheimer Forschung Initiative e.V. (AFI), hob die besondere Bedeutung der Forschungsanstrengungen in Frankfurt hervor. In Frankfurt begegnete Alois Alzheimer seiner ersten Patientin mit der nach ihm benannten Demenz. 1906 beschrieb er diese Krankheit als „eigenartige Erkrankung der Hirnrinde“.

Wie beginnt die Alzheimer-Krankheit?

Für Alzheimer typisch sind Ablagerungen aus Proteinbaussteinen mit dem Namen beta-Amyloid. Das Amyloid-Vorläufer Protein (APP) ist ein Eiweiß, das unter anderem an der Bildung von Kontaktstellen zwischen Nervenzellen beteiligt ist. Im gesunden Gehirn wird es so gespalten, dass lösliches sAPP entsteht, mit einem schützenden Effekt auf Nervenzellen. Im Falle der Alzheimer-Krankheit entstehen längere und unlösliche beta-Amyloid-Oligomere, die sich zu Plaques verklumpen.

Privatdozent Dr. Gunter P. Eckert vom Pharmakologischen Institut berichtet, dass beta-Amyloid-Oligomere bereits ab dem 30. Lebensjahr eine Rolle spielen, also lange bevor die ersten Krankheitszeichen auftreten.

Plaques wurden lange Zeit alleine für das Absterben der Nervenzellen verantwortlich gemacht. Man weiß heute, dass die beta-Amyloid-Oligomere, die sowohl außerhalb als auch innerhalb der Nervenzellen gebildet werden, die Nervenzellen zum Absterben bringen.

Nach den Ergebnissen von Dr. Gunter Eckert heften sich die lipophilen beta-Amyloid-Bruchstücke in der Nervenzellmembran an und fördern so die Bildung von weiteren Oligomeren. Eine verminderte Membranfluidität im Alter unterstützt diesen Prozess. Dies endet wohl letztendlich in einem Teufelskreis, bei dem immer mehr Nervenzellen absterben.

Vorbeugen mit Omega-3-Fettsäuren?

Gegen die Alzheimer-Krankheit vorzubeugen ist eines der großen Ziele der Forschung. Die zellschützenden Funktionen von Omega-3-Fettsäuren, denen man vorbeugende Eigenschaften zuschreibt, werden von Privatdozent Dr. Donat Kögel, Leiter der Experimentellen Neurochirurgie, im Hinblick auf ihre molekularen Wirkungsmechanismen an Zellmodellen untersucht.

Die mehrfach ungesättigte Omega-3-Fettsäure Docosahexaensäure (DHA), in größeren Mengen enthalten beispielsweise Leinöl, Lachs und Kabeljau, erweist sich für die Vorbeugung als viel versprechend. DHA lagert sich in der Zellmembran ein und erhöht die Membranfluidität.

Studien weisen darauf hin, dass DHA oder Fischöl die frühen Phasen der Demenzprogression verzögern können. Darüber hinaus legen epidemiologische Studien und prospektive Ernährungsstudien nahe, dass mehrfach ungesättigte Fettsäuren (polyunsaturated fatty acids, PUFA) eine präventive Wirkung entfalten können.

Erste klinische Studien mit einer Supplementierung von PUFA zeigen, dass eine frühe Intervention ausschlaggebend ist für die Wirkung von mehrfach ungesättigten Fettsäuren. Laut Dr. Kögel erweist sich eine Kombination aus Antioxidantien und Omega-3-Fettsäuren im Rahmen einer ausgewogenen Ernährung als besonders vielversprechend.

Lernstörungen im Alter

Lernen findet im Gehirn statt. Prof. Dr. Thomas Deller, Direktor des Instituts für klinische Neuroanatomie, untersucht die zellulären Prozesse, die mit Lernen und Gedächtnis im normalen Leben und im Alter verbunden sind.

Anfang des 20. Jahrhunderts etablierte sich die Neuronentheorie, Mitte des 20. Jahrhunderts wurde die neuronale Plastizität als Basis des menschlichen Lernens  bekannt. Man weiß heute, dass zelluläres Lernen durch funktionelle, molekulare und strukturelle Anpassungen von Synapsen geschieht.

Durch krankhafte Veränderungen im Amyloid- und Tau-Stoffwechsel bei der Alzheimer-Krankheit kommt es auf verschiedenen Ebenen zu einer Störung des zellulären Lernens. Die Erforschung  dieser Prozesse ist ein erster Schritt zur Behandlung von Lern- und Gedächtnisstörungen bei Alzheimer.

Laut Prof. Deller spielen zwei funktionelle Lernstörungen bei der Alzheimer-Krankheit eine Rolle: die Störung der Kommunikation der Nervenzellen durch Plaques und der Mangel an günstigem sAPPα.  Draus ergeben sich drei Therapieansätze: Beeinflussung des APP-Proteins, dass keine Plaques entstehen; das Entfernen der Plaques nach ihrer Entstehung und das Fördern der Prozesse, die für neuroprotektive Spaltprodukte des APP sorgen.

Verbesserung der Gedächtnisfunktion

Ein Schwerpunkt der Forschung gilt der Verbesserung der Gedächtnisleistung bei gesunden älteren Menschen und bei Patienten im Anfangsstadium der Erkrankung. Dr. David Prvulovic hat Lernprogramme an der Universitätsklinik getestet und berichtet über ermutigende Ergebnisse, die - zumindest in sehr frühen Krankheitsstadien – nicht nur die Arbeitsgedächtnisleistung stimulieren, sondern auch abnorme Hirnaktivierungsmuster teilweise normalisieren können.

Darüber hinaus wurde der potentielle Nutzen weiterer nicht-pharmakologischer Ansätze, wie die Stimulation durch transkranielle Magnetstimulation, besprochen. Bei einer Versuchsreihe Prvulovics konnten zwar bestimmte Gehirnregionen mit Magnetfeldern aktiviert werden, doch im Ergebnis wurden bei den Probanden bei verschieden kognitiven Tests keine verbesserten Ergebnisse beobachtet.

Schließlich gab Dr. Prvulovic einen Ausblick auf eine Studie der Universitätsklinik Frankfurt in Zusammenarbeit mit der Deutschen Sporthochschule Köln. Ziel ist es, ein Trainingsprogramm für Körper und Geist zu entwickeln, das in der Demenzprävention und -Therapie eingesetzt werden kann.

Alzheimer Forschung Initiative

Die Alzheimer Forschung Initiative e. V. (AFI) ist ein gemeinnütziger Verein, der Spendengelder sammelt und die wissenschaftliche Forschung auf dem Gebiet der Alzheimer-Krankheit finanziell fördert sowie Aufklärungsmaterialien für Betroffene und Interessierte bereitstellt. Seit ihrer Gründung im Jahr 1995 hat die AFI bis 2009 insgesamt 89 Alzheimer-Forschungsprojekte mit über 4,75 Millionen € fördern können.

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