Abtransport von Alzheimer-Eiweiß mit Heilpflanzen aktivieren - Im Gespräch mit Prof. Jens Pahnke

  |   Forschung

Herr Prof. Pahnke wurde 2009 − 2011 von der AFI mit einem Forschungspreis gefördert. Mit den Mitteln erforschte er Reinigungsmechanismen des Gehirns. Damals entdeckte er ein Transportermolekül (ABCC1), das für den Abtransport von beta-Amyloid- zuständig ist.

Wir haben Prof. Jens Pahnke interviewt und mit ihm über das Potential der Heilpflanzenforschung gesprochen.

Abbildung einer erkrankten Nervenzelle
Eine erkrankte Nervenzelle mit Plaques und Fibrillen

Was hat sich bezüglich dieses Ergebnisses inzwischen ergeben?

Aus diesen Ergebnissen hat sich zum Beispiel unsere Forschung am Johanniskraut entwickelt. Wir wollten wissen, was genau den Abtransport von beta-Amyloid-Fragmenten aktiviert, das sind Vorstufen der nervenzellschädigenden Alzheimer-Plaques. Dabei stießen wir unter anderem auf das Johanniskraut (Hypericum perforatum). Schon seit dem „Cochrane Report“ von 2009 ist bekannt, dass bei Altersdepressionen Johanniskraut besser wirkt als herkömmliche Antidepressiva. Und wir können bei Patienten beobachten, dass das Absetzen des Krauts zu einer Verschlechterung der kognitiven Leistung führt und dessen Wiedereinnahme zur Verbesserung.

Die spannende Frage ist, wieviel Depression wirklich in Alzheimer steckt. Mittlerweile gehen wir nämlich davon aus, dass bei Altersdepressionen und Demenz ähnliche oder sogar derselbe ursächliche Mechanismus eine Rolle spielt. Das ist ein sehr interessanter Ansatz, an dem wir gerade arbeiten, unter anderem in Zusammenarbeit mit Prof. Bengt Winblad vom Karolinska Institutet in Stockholm.

Bei unseren Alzheimer-Patienten, die derzeit mit Johanniskraut behandelt werden, sehen wir die ganze Bandbreite von Reaktionen auf die Gabe. Das reicht von keiner messbaren Wirkung über eine Stabilisierung oder einer Verbesserung bis hin zur rapiden Verbesserung der kognitiven Leistungen. Wir hatten auch Fälle, dass Patienten, die nicht mehr mit den Angehörigen kommunizierten, sich wieder verbal verständlich äußerten. Einem Kollegen aus Süddeutschland konnten wir u.a. die Kommunikation mit seiner Mutter wiederherstellen. Er hat sich sehr darüber gefreut.

Im nächsten Schritt möchten wir in Zusammenarbeit mit den Karolinska Institutet und unserem neuen Labor an der Universität Oslo sowie den Kollegen dort einkreisen, welche Patienten von der Aktivierung des Abtransports der schädlichen Proteine profitieren können. Wer genau spricht auf die Behandlung an, wer tut das nicht und vor allem warum?

Johanniskraut steht mit einer ganzen Reihe von Medikamenten in Wechselwirkung. Was raten Sie, wenn Alzheimer-Patienten Johanniskraut einnehmen möchten?

Grundsätzlich hat Johanniskraut das Potenzial für Nebenwirkungen, aus unser Erfahrung sind sie nicht ganz so ausgeprägt, wie es manchmal dargestellt wird. Das Johanniskraut trägt zu einem schnelleren Abbau von Substanzen in der Leber bei. Wir sind in engem Kontakt mit den Hausärzten, denn die Patienten sollten diesen vor der Einnahme von Johanniskraut immer konsultieren. Die möglichen Wechselwirkungen können von Patient zu Patient unterschiedlich sein, das sollte geklärt und beobachtet werden.

Bei der Einnahme rate ich zudem zu etwas Geduld. Nach ein bis zwei Monaten der Einnahme von Johanniskraut ist mit einer vollen Wirkung zu rechnen. Vielleicht liegt das daran, dass der ganze angesammelte Abfall von giftigen Proteinen erst einmal Beiseite geschafft werden muss.

Wie kommt es, dass Sie sich mit Ihrer Gruppe der Heilpflanzenforschung verschrieben haben?

Das war eher Zufall. Als wir 2011 unseren Transporter beschrieben hatten, gingen wir auf die Suche nach einem Aktivator. Erst hatten wir Hopfen (Humulus lupulus) im Blick − das brachte nicht die gewünschten Resultate und wir haben weitergesucht. Natürlich ist diese Suche nicht beliebig, wir konzentrieren uns auf Pflanzen, denen aus der traditionellen Medizin eine Wirkung nachgesagt wird und machen uns daran, dieses „alte Wissen“ wissenschaftlich zu testen.

Trinken Sie Tee aus griechischem Eisenkraut (Sideritis scarica)? Ab welcher Menge könnte man überhaupt von einer Wirkung ausgehen? Genügt eine Tasse pro Tag?

Ja, ich trinke ihn auch. Ich habe einen Kocher im Büro stehen und brühe mir hier meinen Tee auf. Auch als Geschenk für ältere Freunde und Familienmitglieder macht sich der Bergtee gut. Mittlerweile bekomme ich auch öfter Proben aus Griechenland zugeschickt, die dann natürlich verkostet werden müssen. Patienten empfehle ich, einen Liter pro Tag zu konsumieren mit 3 − 4 EL Siderits. Noch besser als Wasser wirkt natürlich eine 20% ethanolische Tinktur vom griechischen Eisenkraut, hergestellt vom Apotheker oder Eigenproduktion, davon nimmt man dann ein kleines Glas täglich.

Wem der Geschmack des Tees nicht gefällt oder wer Abwechslung braucht, kann ihn auch mit Pfefferminze mischen. Und das Eisenkraut besser nicht nachziehen lassen, dass kann einen pelzigen Geschmack verursachen! Es gibt mittlerweile auch Mischungen im Handel wie zum Beispiel Johanniskraut und Thymian, gemischt mit griechischem Bergtee.

Können Sie schon andere Kandidaten nennen, die der Gesundheit in ähnlichem Maße zuträglich sein könnten wie griechisches Eisenkraut und Johanniskraut?

Insgesamt haben wir schon 100 – 150 Pflanzen untersucht. Wir konzentrieren uns auf europäische Gewächse, da ist die spätere Zulassung nicht so langwierig. Verbesserte Pflanzen können so einfach viel schneller eingesetzt werden. Wir arbeiten derzeit an einer viel versprechenden Wurzel – mehr möchte ich dazu erst sagen, wenn die Zeit reif ist.

Wir haben gehört, Ihr Labor wandert nach Norwegen aus?

Ja, wir werden in Kürze in Skandinavien tätig werden. Unsere Kooperationspartner in Norwegen und Schweden hatten sehr großes Interesse an unserer Expertise für neue Therapien und Diagnostik bei Alzheimer und so kam es zu diesem neuen Engagement an der Universität Oslo. In Skandinavien existieren interessante Forschungsnetzwerke und in Oslo sind Forschergruppen angesiedelt, die ebenfalls am Abtransport von beta-Amyloid arbeiten. Wir bleiben aber für unsere Patienten per Telefon, Email und über unsere Homepage www.NRL.ovgu.de erreichbar und freuen uns immer über Rückmeldungen.

Herr Professor Pahnke, wir danken für das Gespräch!

Alzheimer ist menschlich. Gutes tun auch!

Die Herausforderungen der Zukunft lassen sich bewältigen, wenn wir gemeinsam an einem Strang ziehen, um ausgezeichnete Forschung in die Praxis zu bringen. Teilen Sie das  Ziel der Alzheimer Forschung Initiative.

Möchten Sie unseren Newsletter abonnieren?

Haben Sie Fragen?

Vertrauen & Transparenz

Lodo der Initiative Transparente Zivilgesellschaft
Logo des Deutschen Spendenrates