Alzheimer und Literatur: „Die Bereitschaft zur Langsamkeit ist notwendig“

  |   Alzheimer

Prof. Dr. Henriette Herwig im Interview mit der AFI: Alzheimer ist in der Mitte unserer Gesellschaft und eine gesellschaftliche Herausforderung. Anlässlich des Welt-Alzheimer-Tags am 21. September blicken wir über den Tellerrand. Lesen Sie Gespräche mit einer Literaturwissenschaftlerin, einem Humangenetiker, einem Philosophen und einem Pflegeforscher.

„Als Angehörige bin ich persönlich betroffen“, sagt Prof. Dr. Henriette Herwig. Die Literaturwissenschaftlerin von der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf hat längst einen Paradigmenwechsel festgestellt, denn Autoren beschäftigen sich heutzutage mehr denn je mit den Problemen von älteren Menschen. Im Interview spricht Henriette Herwig über die Darstellung der Alzheimer-Krankheit in der Literatur und erklärt, was die Beschäftigung mit der Literatur uns für den Umgang mit Alzheimer-Patienten lehrt. Interessante Buch-Empfehlungen gibt es natürlich auch.

 

Foto der Universitätsprofessorin Dr. Henriette Herwig

Die Alzheimer-Krankheit ist in den Medien immer präsenter. Davon zeugen Kinofilme, aber auch literarische Texte. Wurde schon immer über „geistigen Verfall“ geschrieben oder ist die Alzheimer-Krankheit in der Literatur ein neues Thema?

Traditionell wird Alter mit Weisheit verbunden aber auch mit Wahnsinn. Aus der italienischen Comedia dell’arte kennen wir den stets geprellten Alten, den Pantalone. In Goethes „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ wird anhand der Figur des alten Harfners der Wahnsinn zum Thema der Literatur gemacht. Diese Beispiele sind aber nicht kennzeichnend für den geistigen Verfall als Folge einer Alzheimer-Krankheit, von dem wir heute sprechen.

Erst in den letzten 30 Jahren wurde das Thema in der Literatur aufgegriffen. Zu den Vorreitern zählt der Niederländer Hendrik Jan Marsman. Unter dem Pseudonym J. Bernlef veröffentlichte er 1984 den Roman „Hersenschimmen“ (dt. „Hirngespinste“). Ohne selbst dement zu sein, schildert Marsman eindrücklich die Demenz aus der Innensicht seines männlichen Protagonisten. Der Leser wird in diese Welt hineingesogen und wird verunsichert, was im Rahmen der Fiktion für real, was für krankheitsbedingt gehalten werden sollte.

Es folgten Romane aus dem deutschsprachigen Raum wie etwa „Haus der Schildkröten“ von Annette Pehnt (2006), „Der alte König in seinem Exil“ von Arno Geiger (2011), „Die Erdbeeren von Antons Mutter“ von Katharina Hacker (2010) oder auch Bernd Eichmanns „Vatter baut ab“ (2013).

Oftmals liegt der Fokus auf den Auswirkungen einer Alzheimer-Erkrankung auf die Kinder. Der Generationskonflikt und die Beziehungen untereinander werden dargestellt. So beschreibt Pehnt den Konflikt und die Schuldgefühle der mittleren Generation, die ihre Eltern ins Pflegeheim bringt und deren Leben vom Leiden der Alten überschattet wird. Eichmann wiederum erzählt aus der Sicht des Sohnes, der die Pflege seines an Alzheimer erkrankten Vaters übernimmt. Über die Pflege baut der Sohn eine neue Beziehung zu seinem Vater auf und entdeckt die Liebe zu ihm neu.

Geiger beschreibt die Alzheimer-Erkrankung seines Vaters und achtet auf dessen veränderten Sprachgebrauch. Faszinierend ist, dass Geiger die Sprache als kreativ wahrnimmt – fast poetisch. Dadurch entsteht ein verändertes Bild des Vaters, der als eine Art Künstler wahrgenommen wird.

In „Die Erdbeeren von Antons Mutter“ bemerkt der Sohn die Erkrankung seiner Mutter, als sie vergisst, wie jedes Jahr zuvor, die Erdbeeren zu pflanzen, um den erwachsenen Kindern selbstgemachte Erdbeermarmelade zu schenken. Hacker schildert die Auswirkungen der Erkrankung auf das Elternehepaar wie auch auf den Sohn, der unter dem Verlust der selbstverständlichen Liebe der Mutter leidet.

Warum widmen Sie sich in Ihrer Forschung ausgerechnet diesem Thema?

Aus persönlichen, fachlichen wie auch institutionellen Gründen. Als Angehörige bin ich persönlich betroffen, seit meine Mutter an vaskulärer Demenz erkrankt ist und ich sie betreue.

Aus fachlicher Sicht interessiert mich der Paradigmenwechsel in der Literatur. Ich empfinde den Wechsel von „jungen“ hin zu „alten“ Figuren als wirkungsmächtig. Bis vor wenigen Jahren waren ältere Menschen oft nur Randfiguren, die Jüngere begleiten und deren Selbstverwirklichung fördern. Inzwischen nehmen die „alten“ Figuren Hauptrollen ein, wodurch in der Literatur der Gegenwart neue Probleme und Herausforderungen – wie etwa Altersliebe, Generationskonflikte oder auch Altersarmut – stärker in den Vordergrund rücken und die Darstellung prägen. Man kann sagen, dass die Literatur auf den demografischen Wandel und den veränderten Bedarf reagiert, denn auch die Leserschaft wird älter.

Zudem entwickle ich als Lehrstuhlinhaberin für Germanistik an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf gemeinsam mit Kollegen aus diversen Fakultäten gemeinsame Forschungsperspektiven, die an junge Doktoranden und Doktorandinnen herangetragen werden. Aktuell widmen sich vier Doktorandinnen von mir dem Altersthema.

Inwiefern kann die Literatur helfen, Menschen mit Demenz besser zu verstehen und das Tabu rund um die Alzheimer-Krankheit abzubauen?

Der Literatur kommt eine große Funktion zu, denn sie hat die Möglichkeit der Individualisierung und Biografisierung. Dabei können Perspektiven gewechselt werden, um ein Problemfeld aus verschiedenen Blickwinkeln zu beleuchten. Nehmen wir den Roman „Haus der Schildkröten“ als Beispiel. Hier wird sowohl aus der Sicht der Betroffenen, der Kinder und des Pflegepersonals im Altenheim erzählt.

Sprachliche Bilder, wie zum Beispiel Metaphern, wecken Vorstellungen und lösen Emotionen aus. Sie werden sinnvoll eingesetzt, um ein größeres Verständnis für Betroffene und Angehörige zu wecken, das Denken über Demenz zu verändern und Wissen, das über lexikalisches Verständnis hinausgeht, zu vermitteln. Diese Möglichkeit, alles gleichzeitig zu tun, ist die Chance der Literatur.

Einen Text zu lesen bedeutet aber auch, sich Zeit zu nehmen. Man muss sich auf den Text einlassen, um der allmählichen Schilderung zu folgen. Hier entsteht eine Parallele zum Umgang mit Alzheimer-Erkrankten, denn die Bereitschaft zur Langsamkeit ist notwendig. Vor dem Ansprechen eines Erkrankten muss der Kontakt langsam hergestellt werden, um Verwirrung und gegebenenfalls Angstreaktionen zu vermeiden. Damit ist Literatur auch eine Schule der Langsamkeit, die in unserer hektischen Zeit für Lebenslagen sensibilisiert, die sich nicht schnell verändern lassen.

Welcher Roman spiegelt die Alzheimer-Erkrankung am eindrücklichsten wider? Haben Sie einen Literatur-Tipp für uns?

Zu meinen persönlichen Lesetipps für die literarische Darstellung von Demenz zählen „Hirngespinste“, neu aufgelegt unter dem Titel „Bis es wieder hell ist“ (2007), von Hendrik Jan Marsman.

Aber auch der Roman „Still Alice“ (dt. „Mein Leben ohne Gestern“, 2009) der amerikanischen Neurowissenschaftlerin Lisa Genova ist empfehlenswert. Genova ist Neurophysiologin, die ihr neurologisches Wissen angewendet hat, um sehr detailliert die verschiedenen Krankheitsstadien einer an Alzheimer erkrankten Frau zu schildern.  Die Hauptfigur Alice ist eine 50jährige Harvard-Professorin für Psychologie, die an einer erblichen Frühform von Alzheimer leidet. Für eine hochintelligente, international anerkannte Forscherin ist die Fallhöhe besonders groß. Nach dem Bekanntwerden ihrer Erkrankung verliert sie ihre Position an der Universität und versucht, sich in ihrem neuen Leben, im Rahmen der Familie, einzuleben. Anhand von drei Kindern wird der Umgang mit der Diagnose auf unterschiedliche Weise dargestellt. Dabei baut die Protagonistin eine besondere Beziehung zu ihrer jüngsten Tochter auf, die sie früher verkannt hat, weil sie nicht werden wollte wie ihre Mutter.

Lesen Sie weiter ...

Alzheimer und Genetik: „Es betrifft die ganze Familie“

Alzheimer und Sexualität: „Es wird ständig über dieses Thema gesprochen“

Alzheimer und Identität: „Ich habe mich sozusagen verloren“

Ihre Spende hilft!

Möchten Sie unseren Newsletter abonnieren?

Haben Sie Fragen?

Vertrauen & Transparenz

Lodo der Initiative Transparente Zivilgesellschaft
Logo des Deutschen Spendenrates