Aufmerksamkeitsleistung auf dem Prüfstand

  |   Forschung

Nicht nur das Gedächtnis ist bei der Alzheimer-Krankheit beeinträchtigt. Auch die Aufmerksamkeitsleistung nimmt frühzeitig ab. Alzheimer-Forscherin PD Dr. Kathrin Finke von der Ludwig-Maximilians-Universität München und ihr Kollege Dr. Christian Sorg von der Technischen Universität München untersuchen den Einfluss der Aufmerksamkeitsleistung auf die Gedächtnisleistung im Frühstadium der Alzheimer-Krankheit. Ziel der Forscher ist es, die Aufmerksamkeitsleitung für die Alzheimer-Diagnose zu nutzen. Wir haben mit PD Dr. Finke über ihr Projekt gesprochen.

Portrait der Alzheimer Forscherin Dr. Kathrin Finke

Frau PD Dr. Finke, Gedächtnistraining ist weithin bekannt. Gibt es denn auch Übungen, mit denen gezielt die Aufmerksamkeit trainiert werden kann?

Zurzeit laufen an verschiedenen Forschungsinstituten auf der gesamten Welt Forschungsstudien dazu, ob und wenn ja, welche Arten von Aufmerksamkeitstraining (z.B. computergestützte Trainings oder Meditation) die Aufmerksamkeitsleistungen fördern können. Besonders im Bereich der neuropsychologischen Rehabilitation, z.B. nach Hirnschädigung, werden solche Trainings seit längerem eingesetzt und erzielen dort auch signifikante Verbesserungen.

Eine aktuelle Frage ist, ob auch gesunde Probanden in unterschiedlichen Altersgruppen von Aufmerksamkeitstraining profitieren. Eine Reihe von Studien legt nahe, dass intensives Training, das optimal an den Leistungsstand eines Probanden angepasst ist, und dessen Schwierigkeit sich im Laufe des Trainings immer wieder an die neu zugewonnene Leistungsfähigkeit anpasst, tatsächlich signifikante Verbesserungen erbringen kann.

Wirkt sich dieses Training im Alter positiv aus? Ist ein vorbeugender Effekt in Bezug auf die Alzheimer-Krankheit messbar?

Neuere Forschungsergebnisse zum Konzept der „kognitiven Reserve“ zeigen, dass Menschen, die Zeit ihres Lebens geistig anspruchsvollen Tätigkeiten nachgehen, häufig trotz Alzheimer-typischer Veränderungen in ihrem Gehirn normale kognitive Leistungen zeigen. Solche anspruchsvollen Aufgaben sind letztendlich zu interpretieren als „Daueraufmerksamkeitstraining“. Damit geben diese Befunde Anlass zu der Hoffnung, dass tatsächlich ein intensives Training von Aufmerksamkeitsleistungen gerade auch bei älteren Menschen möglicherweise die Auswirkungen von neuronalen Veränderungen im Gehirn auf den Alltag abmindern und verzögern.

Dabei zeigen diese Befunde auch, dass der Begriff „Aufmerksamkeitstraining“ nicht zu eng zu fassen ist; hierunter ist eine geistig anregende Umgebung zu verstehen, die den Kompetenzen, Interessen und sozialen Kontakten eines Menschen entspricht. Intensive Gespräche bei langen Spaziergängen fördern die Konzentrationsleistung möglicherweise mehr als der Versuch, die Aufmerksamkeit mit Computer-Übungen „aufzutrainieren“. Das gilt besonders dann, wenn man eigentlich eher ein sozial veranlagter Mensch ist und per se kein persönliches Interesse an bildschirmgestützten Übungen mitbringt.

Die Alzheimer-Krankheit ist noch nicht heilbar. Warum ist eine frühe und sichere Diagnose trotzdem wichtig?

Auch wenn die Alzheimer-Krankheit noch nicht heilbar ist, gibt es Medikamente, die die Geschwindigkeit des geistigen Abbaus verzögern können. Deren Wirksamkeit ist umso höher, je früher sie im Krankheitsverlauf eingesetzt werden können. Die Alzheimer-Krankheit hat dramatische Auswirkungen auf die Entwicklung der persönlichen Biografie eines Betroffenen und zwingt zur Regelung der persönlichen Angelegenheiten. Je länger die Entscheidungs- und Urteilsfähigkeit erhalten bleibt, desto mehr Zeit bleibt dem Betroffenen, über seine weitere Lebensplanung mit zu bestimmen. Hier ist anzumerken, dass es natürlich eine persönliche Entscheidung ist und bleiben sollte, ob ein Betroffener die Diagnose tatsächlich frühzeitig erfahren möchte oder aber nicht.

Für die Forschung im Bereich der Alzheimer-Erkrankung ist es wichtig, Betroffene früh diagnostizieren zu können, um die Therapiemöglichkeiten gerade im Frühstadium der Erkrankungen auszutesten und zu verbessern. Auch wenn die Alzheimer-Erkrankung bis heute nicht geheilt werden kann, besteht die Hoffnung, dass sie in absehbarer Zeit in einem Frühstadium aufgehalten werden kann.

Was verstehen Sie genau unter neurokognitiven Biomarkern? Können Sie uns ein Beispiel nennen?

Neurokognitive Biomarker sind Indikatoren im Bereich der menschlichen Kognitionsfähigkeit, die anzeigen, dass ein erhöhtes Risiko für die Entwicklung einer Störung vorliegt. Im Bereich der Alzheimer-Erkrankung ist beispielsweise bereits seit langem bekannt, dass bereits sehr früh Probleme in bestimmten Gedächtnisleistungen auftreten. Werden solche Gedächtnisprobleme bei einer untersuchten Person festgestellt, die ansonsten noch relativ gut in ihrem Lebensalltag zurechtkommt, dann kann ein geschulter Untersucher daraus schlussfolgern, dass eine erhöhte Wahrscheinlichkeit für die zukünftige Ausbildung einer Alzheimer-Krankheit besteht.

Aus den Fördermitteln der AFI beschäftigen sie Personal. Warum ist es wichtig, dass gerade diesen Kosten durch die private Forschungsförderung getragen werden?

Die klinische Forschung im Bereich der Alzheimer-Erkrankung ist zeit-, personal- und kostenintensiv. Das beginnt bei der Rekrutierung geeigneter Patienten für die Forschungsstudien, denn nicht alle Betroffenen sind belastbar und geistig in der Lage, an langwierigeren Studien teilzunehmen. Die Erfassung, Sicherung und Auswertung umfangreichen Materials von vielen betroffenen Patienten ist notwendig. Die private Forschungsförderung schließt Finanzierungslücken und erlaubt es, neben der klinischen Versorgung der Patienten auch Forschung im klinischen Umfeld zu betreiben, die möglicherweise die Diagnose und letztendlich die Therapie der Alzheimer-Erkrankung entscheidend voranbringen könnte.

PD. Dr. Kathrin Finke von der Ludwig-Maximilians-Universität München wird von der Alzheimer Forschung Initiative e.V. mit ihrem Projekt „Aufmerksamkeit und Gehirnnetzwerke bei Vorstufen der Alzheimer-Krankheit” vom 1. November 2012 bis 31. Oktober 2013 mit 80.000 Euro gefördert.

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