24.01.2010
Über die Entdeckung einer eigenartigen Krankheit„Über eine eigenartige Erkrankung der Hirnrinde“, so lautete sein Vortrag bei der „Tagung Südwestdeutscher Irrenärzte“. Wohl etwas zu eigenartig für die Tagungsteilnehmer, denn kaum einer der anwesenden Ärzte und Wissenschaftler hatte 1906 Interesse an Alois Alzheimers Ausführungen. Das von ihm geschilderte Krankheitsbild galt als Rarität, dem nicht viel Bedeutung beigemessen wurde. Alzheimer publizierte noch eine Studie mit vier weiteren Fällen, dann wandte er sich resigniert anderen Aufgaben zu. Im digitalen Zeitalter hätten Alzheimers Erkenntnisse schnell als wissenschaftliche Sensation die Runde gemacht. Anfang des 20. Jahrhunderts hingegen dauerte es noch vier Jahre bis die Krankheit als solche wahrgenommen und in einem Lehrbuch offiziell genannt wurde. Auguste, Alzheimers wichtigster FallFrankfurt am Main, 1901. Dr. Alois Alzheimer, Oberarzt an der Anstalt für Irre und Epileptische, möchte sich eigentlich nur einen kurzen Überblick über die Neuzugänge der Anstalt verschaffen, doch eine der Krankenakten kann er nicht mehr aus der Hand legen. Etwas an der Patientin Auguste D. erregt sein Interesse und er beschließt, die 51-jährige selbst zu untersuchen. Dass er damit die folgenreichste Entscheidung seines Lebens trifft, weiß er an diesem trüben Novembertag noch nicht.
Er berichtete schwere atrophische Vorgänge an den Nervenzellen und schrieb: „….dass auch bei den typischen Fällen von Dementia senilis von der Gefäßerkrankung unabhängig degenerative Veränderungen an den Ganglienzellen auftreten könnten.“ Alzheimer, stets sehr vorsichtig in seinen Schlussfolgerungen, vermerkt aber sofort, dass „natürlich auch dieser eine Fall noch nicht beweisend erscheint und weitere Untersuchungen noch die obige Annahme bekräftigen“ müssen. Das ist auch der Grund, warum sich Alzheimer drei Jahre später, im Jahre 1901, mit großem Interesse intensiv um seine Patientin Auguste D. kümmert. Präsentation der Ergebnisse in Tübingen 1906Als Auguste D. 1906 starb, bleiben Dr. Alzheimer noch sechs Monate, um den Fall auf der renommierten Konferenz der Süddeutschen Irrenärzte vorzutragen. Zusammen mit zwei italienischen Gastwissenschaftlern untersucht er Auguste Deters Gehirn. Die Forscher sind sich sicher, es mit einem Krankheitsbild eigener Prägung zu tun zu haben. Anatomisch ist es gekennzeichnet durch eine Atrophie der Hirnrinde mit massenhaften Zellausfällen und einer eigenartigen Fibrillenerkrankung der Nervenzellen, einer starken Wucherung der faserigen Glia und einer Bildung zahlreicher stäbchenartiger Gliazellen. Dann stellen die Ärzte zu ihrer Überraschung fest, dass Ablagerungen eigentümlicher Stoffwechselprodukte in Form von Plaques in der gesamten Hirnrinde nachzuweisen sind. Der pathologische Prozess erinnert die Wissenschaftler an die Dementis senilis, die nur bei älteren Menschen auftritt. Das Ungewöhnliche daran ist, dass die Veränderungen viel weitgehender sind als in vergleichbaren Fällen von siebzig- bis achtzigjährigen Patienten, obwohl Auguste D. bei Ihrem Tod gerade einmal 56 Jahre alt war. Es musste sich somit um eine präsenile Krankheit handeln. Mit einem bestens vorbereiteten Vortrag im Gepäck trifft Alzheimer einige Monate später auf der Tübinger Tagung ein. Vor dem hochkarätigen Publikum illustriert Alzheimer seinen Vortrag mit zahlreichen mikroskopischen Abbildungen. Er schließt seinen Vortrag mit den Worten: „Es gibt ganz zweifellos vielmehr psychische Krankheiten als sie unsere Lehrbücher aufführen. […] Dann werden wir auch allmählich dazu kommen, von den großen Krankheitsgruppen unserer Lehrbücher einzelne Krankheiten klinisch abzuschneiden und jene selbst klinisch schärfer zu umgrenzen.“ Ganz entgegen Alzheimers Erwartung kommt nach dem Vortrag keine Diskussion mit den Wissenschaftlern im Publikum zustande, selbst nicht nach mehrmaligem Nachfragen des Tagungsvorsitzenden. Alzheimer ist irritiert, denn er ist es gewöhnt, in lebhafte Diskussionen verstrickt zu werden. Haben seine Kollegen diesmal nicht verstanden? Eine vergessene Krankheit - Was nach 1910 geschahNachdem die Alzheimer-Krankheit 1910 durch seinen vorgesetzten Kollegen Emil Kraeplin im Lehrbuch Klinische Psychiatrie als Alzheimers Krankheit aufgenommen wurde, geriet das Leiden zunächst weitestgehend in Vergessenheit. „Bis in die 60-er Jahre hielten Ärzte an der Vorstellung fest, dass die bei jüngeren Menschen auftretende Alzheimer-Demenz und die senile Form unterschiedliche Erkrankungen seien“, so Professor Konrad Maurer, ehemaliger Direktor der Psychiatrischen Universitätsklinik Frankfurt am Main. Erst spät einigten sie sich darauf, dass es sich um die gleiche Erkrankung handelt und beobachteten, dass immer mehr Menschen darunter litten. Als die Schauspielerin Rita Hayworth in den 70-er Jahren an Alzheimer erkrankte, gelangte die Krankheit in die Schlagzeilen. Mehrmals wurde die Schauspielerin umherirrend aufgefunden und ab 1981 unter die Vormundschaft ihrer Tochter gestellt. „Die Forschung ging dann wieder richtig los“, so der Frankfurter Psychiater. Forschungsgruppen wurden gegründet, um nach den Ursachen und nach Therapien gegen die Krankheit zu suchen. Mitte der 90-er Jahre war Alzheimer erneut weltweit in aller Munde, als Ronald Regan, ehemaliger Präsident der Vereinigten Staaten, öffentlich verkündete, an dieser Krankheit zu leiden. Alzheimer im 21. Jahrhundert - Die Neuentdeckung einer alten KrankheitOft wird die (Alzheimer-)Demenz als neue Epidemie beschrieben. In den Medien wird viel berichtet über die Überalterung der Gesellschaft und eine drohende Kostenlawine, die durch die Pflegebedürftigkeit vieler Menschen verursacht wird. Gibt es heute drei Millionen über 80-jährige in Deutschland, so sollen es im Jahr 2020 bereits fünf Millionen sein, im Jahr 2050 vermutlich acht Millionen – also mehr als doppelt so viele wie heute. Das wachsende Interesse an der Alzheimer-Krankheit und die Angst vor den Konsequenzen tragen auch zur Popularität des Forschungsgebiets unter Wissenschaftlern bei. Die internationale Zusammenarbeit der Wissenschaftler wird immer wichtiger und weitere Forschergruppen bilden sich. Im weitesten Sinne ist das Ziel der weltweiten Forschungsanstrengungen die Entwicklung einer zuverlässigen und effektiven Therapie der Alzheimer-Krankheit. Das bedeutet eine langfristige Investition, denn nur allmählich greift ein Rädchen nach dem anderen ineinander und Puzzleteilchen für Puzzleteilchen wird die Alzheimer-Krankheit enträtselt. Dennoch hält Professor Hans Förstl, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Technischen Universität München und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats der AFI, die Hoffnung, dass man bald ein Mittel gegen Alzheimer finden wird, derzeit für unbegründet. Dagegen werden die Möglichkeiten der Prävention und Frühdiagnose seiner Meinung nach in den nächsten Jahren noch mehr an Bedeutung gewinnen. Auch wenn die Krankheit erst seit 30 Jahren wieder im Fokus größerer Aufmerksamkeit steht, gibt es die Demenz schon seit der Mensch denken kann. Bereits im Altertum sprachen Aristoteles, Cicero und Juvenal über die „senile Verblödung“, die alte Menschen treffen kann. Und bereits 2400 v. Chr. wurde das Alter folgendermaßen beschrieben:
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