Stand: 24.04.2026

Methylenblau in der Alzheimer Forschung

Methylenblau ist ein Farbstoff, der in der Alzheimer-Forschung als möglicher Therapieansatz untersucht wird – vor allem wegen seiner Wirkung auf sogenannte Tau-Proteine im Gehirn.

Der im 19. Jahrhundert entdeckte Stoff wird in Medizin und Labor vielseitig eingesetzt. In der Alzheimer-Forschung wurde er interessant, weil er die krankhaften Veränderungen von Tau-Proteinen beeinflussen kann. Zeitweise galt Methylenblau daher als möglicher Therapieansatz.

Doch kann Methylenblau tatsächlich helfen? Welche Wirkung ist belegt – und wo liegen die Grenzen? Wir ordnen die Studienlage ein.

Methylenblau gegen Tau-Fibrillen: Ein überschätzter Kandidat?

Ende der 1980er: Die Entdeckung

Die Idee, dass der Farbstoff Methylenblau zur Therapie der Alzheimer-Krankheit geeignet sein könnte, entstand Ende der 1980er in einem Labor der Universität Aberdeen: Der Alzheimer-Forscher und Tau-Protein-Experte Prof. Dr. Claude Wischik beobachtete in einem Experiment, dass ein Tropfen Methylenblau die giftigen Tau-Fibrillen in einem Reagenzglas auflösen konnte. 

Da die Verklumpung des Tau-Proteins als eine der möglichen Hauptursachen für die Entstehung von Alzheimer angesehen wird (mehr zu den Veränderungen im Gehirn bei Alzheimer), lag für Wischik die Idee nahe, diesen Effekt auch bei Menschen mit Alzheimer zu nutzen, um die Tau-Fibrillen im Gehirn zu verringern und so möglicherweise den kognitiven Abbau zu stoppen.

2008: Erste Hoffnungen

Im Jahr 2008 präsentierte Prof. Dr. Claude Wischik von der Universität Aberdeen auf der Alzheimer's Association International Conference (AAIC) seine Studienergebnisse, die darauf hindeuteten, dass Methylenblau die krankhaften Tau-Proteine beeinflussen und das Fortschreiten der Alzheimer-Krankheit verlangsamen könnte.

Trotz vielversprechender Ergebnisse in ersten Studien konnten diese nicht ausreichend durch belastbare wissenschaftliche Publikationen bestätigt werden. Gleichzeitig wurde die anfängliche Euphorie durch Zweifel am Studiendesign gedämpft.

2012 bis 2015: Weiterführende Studien

In der ersten Hälfte der 2010er Jahre wurde Methylenblau in Phase-II-Studien weiter untersucht, jedoch mit gemischten Ergebnissen. Obwohl einige Studien eine Wirksamkeit nahelegten, gab es keine eindeutigen Beweise, die diese stützten. Die angekündigten Phase-III-Studien, die Klarheit schaffen sollten, lieferten ebenfalls keine überzeugenden Ergebnisse.

So untersuchten Eva-Maria und Eckhard Mandelkow 2015 gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen am Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) in Bonn die Wirkung von Methylenblau an Mäusen mit durch Tau-Fibrillen verursachten Gedächtnisstörungen. Ihr Ergebnis: Frühzeitig verabreicht konnte Methylenblau die kognitive Leistung und das Erinnerungsvermögen verbessern. Bereits bestehende Gedächtnisstörungen konnten jedoch nicht behoben werden.

2016: Rückschlag auf dem Alzheimer-Fachkongress AAIC

Auf dem Alzheimer-Kongress AAIC im Juli 2016 präsentierte TauRx Therapeutics Ltd. Daten aus einer großen Phase-III-Studie mit LMTX, einer modifizierten Version von Methylenblau. An der Studie nahmen 890 Probandinnen und Probanden im frühen bis mittleren Krankheitsstadium teil, die 15 Monate lang entweder mit dem Wirkstoff oder mit einem Scheinmedikament (Placebo) behandelt wurden. Die Ergebnisse zeigten insgesamt keinen signifikanten Vorteil der Behandlung.

Eine genauere Analyse zeigte jedoch, dass LMTX bei den Testpersonen, die ausschließlich LMTX einnahmen und keine weiteren Alzheimer-Medikamente erhielten, einen positiven Effekt auf die Gedächtnisleistung hatte. Da jedoch nur 15 Prozent der Probandinnen und Probanden LMTX als Monotherapie also nur diesen Wirkstoff einnahmen, sind diese Zahlen wenig aussagekräftig und bedürfen weiterer Untersuchungen. 

Nach 2018: Uneinheitliche Ergebnisse

Nach den ernüchternden Studienergebnissen von 2018 nahm die Forschung zu Methylenblau im Zusammenhang mit Alzheimer zunächst deutlich ab, und nur wenige Übersichtsarbeiten fassen die bisherigen Ergebnisse zusammen. Auch in den folgenden Jahren konnte kein eindeutiger klinischer Nutzen belegt werden.

Inzwischen liegen jedoch neue Studiendaten vor:

Eine aktuelle Phase-III-Studie (2026) zu einer weiterentwickelten Form von Methylenblau (Hydromethylthionin, HMTM) hat den Wirkstoff erneut untersucht. An der Studie, die ebenfalls von Prof. Dr. Claude Wischik mitverantwortet wurde, nahmen Menschen mit leichten kognitiven Störungen sowie mit leichter bis moderater Alzheimer-Demenz über einen längeren Zeitraum teil.

  • Die Ergebnisse zeigen Hinweise darauf, dass der Wirkstoff biologische Prozesse im Gehirn beeinflussen kann, insbesondere im Zusammenhang mit den Tau-Proteinen. Bei einem Teil der Teilnehmenden zeigten sich nach längerer Behandlungsdauer auch leichte Vorteile bei der kognitiven Leistung. Ein klarer Nutzen im Alltag konnte jedoch weiterhin nicht eindeutig nachgewiesen werden.
  • Ein ungewöhnliches Problem lag im Studiendesign: Methylenblau kann den Urin blau verfärben. Das wirkt zunächst nebensächlich, hat aber Folgen: Es lässt sich schwer verbergen, wer den Wirkstoff erhält und wer nicht – und das kann die Ergebnisse beeinflussen. Um diesen Effekt auszugleichen, wurde der Kontrollgruppe eine niedrig dosierte Variante von Methylenblau gegeben. Diese war jedoch vermutlich nicht vollständig wirkungslos. Dadurch wurde es schwieriger, einen klaren Unterschied zwischen den Gruppen nachzuweisen. Das schränkt die Aussagekraft der Ergebnisse ein.

Fazit: Der aktuelle Forschungsstand

Methylenblau hat sich bislang nicht als wirksames Alzheimer-Medikament etabliert, da die erwarteten therapeutischen Effekte nicht eindeutig bestätigt werden konnten.

Die Forschung konzentriert sich daher vor allem auf andere, vielversprechendere Ansätze zur Bekämpfung der Alzheimer-Krankheit, zum Beispiel die Antikörper-Medikamente zur Entfernung schädlicher Amyloid-beta-Plaques. Trotz der insgesamt enttäuschenden Ergebnisse hat die Untersuchung von Methylenblau wichtige Erkenntnisse über die Mechanismen der Tau-Protein-Aggregation geliefert, die in zukünftige Therapien einfließen könnten.

Quellen

Wischik, C. M., et al. "Clinical, imaging and blood biomarker outcomes in a Phase 3 clinical trial of tau aggregation inhibitor hydromethylthionine mesylate in mild cognitive impairment and mild to moderate dementia due to Alzheimer’s disease" Journal of Prevention of Alzheimer’s Disease, vol. 13, no. 3, 2026, article 100480. doi.org/10.1016/j.tjpad.2026.100480

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