Prof. Arendt: „Alzheimer beginnt zunächst ohne Symptome“

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Alzheimer ist bisher noch nicht heilbar. Zwar gibt es große Fortschritte in der Diagnose und Prävention der Krankheit. Aber in der Medikamentenforschung gab es in jüngster Zeit einige Rückschläge. Warum es so schwer ist, ein Medikament gegen die Krankheit des Vergessens zu finden, wie der aktuelle Stand der Forschung ist und was ihn an der Alzheimer-Froschung so fasziniert - das erzählt uns im Interview unser Vorsitzender im Wissenschaftlichen Beirat, Prof. Dr. Thomas Arendt.

Prof. Dr. Thomas Arendt, Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats der AFI, begrüßte die Teilnehmer.

1. Professor Arendt, schon 1906 hat Alois Alzheimer die Alzheimer-Krankheit beschrieben. Trotzdem gibt es noch kein Heilmittel. Warum ist es so schwer, ein wirksames Medikament zu finden?

Das hat unterschiedliche Ursachen. Zunächst verstehen wir die Grundlagen der Krankheit bisher noch zu wenig. Wir können schon kaum nachvollziehen, wie ein gesundes Gehirn arbeitet. Bei mehr als drei Nervenzellen verstehen wir nicht mehr, wie die Funktionsweisen und Wechselwirkungen sind. Deshalb ist die Grundlagenforschung, die wir mit der AFi finanzieren, auch so wichtig.

Weitere Gründe liegen im klinisch stummen Beginn und dem langen Verlauf der Krankheit. Alzheimer beginnt zunächst ohne Symptome, obwohl es schon erste Veränderungen im Gehirn gibt. Wenn dann die ersten Symptome auftauchen, sind in der Regel schon mehrere Jahre bis Jahrzehnte vergangen und die nachweisbaren Hirnveränderungen schon sehr weit fortgeschritten. Die anfänglichen Veränderungen, die all dies ausgelöst haben, dürften sehr klein sein, und sind zu diesem Zeitpunkt nicht mehr ohne Weiteres nachzuvollziehen.

Diese Komplexität in konkreten Forschungssettings abzubilden, ist sehr schwer. Die Mausmodelle, die in der Alzheimer-Forschung oft genutzt werden, sind auf zu kurze Zeitspannen ausgelegt. Die Ergebnisse haben damit oft nur eine begrenzte Aussagekraft für die Mechanismen der Krankheit, deren Verlauf sich auf bis zu 30 Jahre erstrecken kann. Außerdem sind Ergebnisse aus Mausmodellen nur sehr begrenzt auf den Menschen übertragbar, denn die Störungen betreffen ja sehr typisch menschliche Fähigkeiten.

2. Welche unterschiedlichen Forschungsansätze und –richtungen werden zurzeit verfolgt? Welche Ansätze sind Ihrer Meinung nach aussichtsreich?

Es gibt zwei Forschungsschwerpunkte: Die Forschung zur Früherkennung bzw. zur Diagnose der Krankheit und die Pathogeneseforschung, also die Forschung nach einer Alzheimer-Therapie.

Im Bereich der Diagnoseforschung geht es hauptsächlich darum, Biomarker, also körperliche Merkmale zu finden, anhand derer man die Krankheit nachweisen kann. Zurzeit forschen zum Beispiel viele Wissenschaftler daran, Alzheimer im Blut nachzuweisen. Ziel ist, einen Bluttest zu entwickeln, mit dem man die Erkrankung möglichst früh und einfach diagnostizieren kann. Aussichtsreich sind auch die aktuellen Entwicklungen im Bereich der bildgebenden Verfahren, wie zum Beispiel Positronen-Emissions-Tomographie (PET) und Magnetresonanztomographie (MRT). Damit kann man die Veränderungen im Gehirn jetzt auch bereits zu Lebzeiten der Patienten nachweisen. Früher waren solche Bildnachweise nur nach dem Tod möglich. So werden derzeit neue PET-Tracer entwickelt und erprobt, mit denen ein immer spezifischerer Nachweis der pathologischen Eiweißablagerungen im Gehirn möglich ist.

In der Therapieforschung geht es um das Entschlüsseln der Erkrankungsmechanismen, also um die Ursachen und das Fortschreiten der Krankheit. Ziel ist es, Therapiemöglichkeiten zu entwickeln. In diesem Bereich wird in verschiedenen Richtungen geforscht. Als potentielle Erkrankungsursachen werden beispielsweise schädliche Eiweißablagerungen im Gehirn, zelluläre und molekulare Störungen, entzündliche Prozesse im Körper, Stoffwechsel- oder Durchblutungsstörungen ins Visier genommen.

Dabei werden bestimmte Hypothesen mit mehr Nachdruck verfolgt, als andere. Einige Konzepte, die in der Vergangenheit mit großem Enthusiasmus verfolgt wurden, haben sich leider als nicht wirksam erwiesen. Damit hat sich gezeigt, dass es nicht immer die „gehypten“ Forschungsrichtungen sind, die zum Erfolg führen. Glücklicherweise gibt es zahlreiche vielversprechende Forschungsansätze abseits des aktuellen Mainstreams.

Ein Ansatz beschäftigt sich mit dem Einfluss unserer genetischen Ausstattung und von Mutationen auf die Entstehung der Krankheit. Unser Genmaterial ist entgegen früheren Annahmen weder komplett identisch noch unveränderlich. Wir haben genetisch bedingt unterschiedliche Reparaturmechanismen und damit auch Krankheitsrisiken, zum Beispiel durch Fehler in der Hirnentwicklung oder in unserem genetischen Bauplan DNA. Auch Umwelteinflüsse können unser Erbgut verändern und damit Einfluss auf das Erkrankungsrisiko haben. In der sogenannten Epigenetik wird untersucht, wie erworbene Einflüsse, etwa Lebensgewohnheiten oder Umweltbedingungen weitervererbt werden. So können Ernährungsgewohnheiten oder traumatische Ereignisse an die Kinder- oder Enkelgeneration weitergegeben werden. Für das bessere Verständnis der Alzheimer-Krankheit erwarte ich aus der Epigenetik in den nächsten Jahren große Erkenntnisgewinne.

Was in der Alzheimer-Forschung meiner Einschätzung nach noch zu wenig Eingang findet, sind Erkenntnisse über die Entstehung von anderen Erkrankungen. In den meisten Fällen entwickeln sich Krankheiten nicht allein auf molekularer Ebene, sondern entstehen aus der Fehlsteuerung von zellulären Regulationsprozessen. Bei der Krebserkrankung funktioniert beispielsweise die Zellteilung an sich noch, aber sie ist unkontrolliert und wird zur falschen Zeit am falschen Ort aktiviert. Es ist zu vermuten, dass für die Entstehung der Alzheimer-Krankheit Ähnliches gilt. Deshalb ist es wichtig, die molekulare Forschung in den Zusammenhang der zellbiologischen Regulation einzubetten. Das passiert zurzeit noch zu wenig.

3. Was ist Ihr aktuelles Forschungsbiet? Was fasziniert Sie an der Alzheimer-Forschung?

Die Alzheimer-Krankheit ist auf den Menschen beschränkt, sie kommt in vergleichbarer Form im Tier nicht vor. Selbst unsere „nächsten Verwandten“, die großen Menschenaffen, entwickeln nur eine unvollständige Form der Erkrankung. Es ist deshalb naheliegend, die Ursachen der Erkrankung in der Entwicklung des menschlichen Gehirns zu suchen. Die Evolution hat zu einer unvergleichlichen Leistungsfähigkeit dieses Organs geführt, es aber auch besonders anfällig für neurodegenerative Veränderungen gemacht, wie sie bei der Alzheimer-Krankheit auftreten.

Es fasziniert mich sehr, die Alzheimer-Krankheit sowohl vor dem Hintergrund der letzten 3,5 Millionen Jahre Menschwerdung, als auch der vielleicht 60 Jahre Lebensgeschichte des Patienten zu sehen. In einer solchen Perspektive werden nahezu alle Bereiche der Zell- und Molekularbiologie aber auch der Psychologie und Sozialwissenschaften berührt. Ich wünsche mir, auf diesem Gebiet in den nächsten Jahren noch einen Beitrag leisten zu können.

4. Im März wurde eine Studie mit dem Antikörper Aducanumab abgebrochen. Die Studie basiert auf der Annahme, dass Proteinablagerungen, sogenannten Amyloid Plaques, die Krankheitsursache sind. Ist die Amyloid-Hypothese damit am Ende?

Die Amyloid-Hypothese war lange Zeit forschungsbestimmend und hat auch eine gewisse Legitimation. Sie basiert aber meiner Einschätzung nach auf einer relativ naiven eindimensionalen Sichtweise, die davon ausgeht, dass die Alzheimer-Krankheit verschwindet, wenn auch die Eiweiß-Ablagerungen im Kopf verschwinden. Ein solcher Ansatz beantwortet nicht die Frage, wo das Amyloid herkommt und was die eigentlichen Ursachen der Erkrankung sind. Nach dem Tod des Patienten sehen wir zwar ein geschrumpftes Gehirn mit Amyloid-Ablagerungen. Bei einer Krankheitsdauer von etwa 30 Jahren ist es aber unwahrscheinlich, dass diese Ablagerungen tatsächlich auch die Ursache der Erkrankung sind. Wenn wir vor einem abgebrannten Haus stehen, können wir auch nicht an der Asche ablesen, warum es abgebrannt ist.

„Seeing is believing“ – das gilt leider auch in der Alzheimer-Forschung. Die Eiweißablagerungen im Gehirn sind ein sichtbares Charakteristikum der Alzheimer-Krankheit, es ist also sichtbar, was die Erkrankung definiert. Ein Forschungsansatz, der sich darauf konzentriert, scheint also zunächst naheliegend. Aber die Amyloid-Hypothese erklärt weder die Entstehung der Krankheit noch beantwortet sie die Frage, warum manche Menschen zwar Amyloid-Ablagerungen im Gehirn haben, aber trotzdem keine Alzheimer-Symptome zeigen.

Etablierte Paradigmen und einmal beschrittene Wege in der Wissenschaft zu ändern, dauert sehr lange. Erkenntniszuwachs und wissenschaftliche Meinungsänderung gehen sehr langsam vor sich und bedürfen eines langen Atems.

5. Wie wird Ihrer Meinung nach eine zukünftige Medikation aussehen? Wird es ein Medikament geben, das Alzheimer heilt?

Es wird mit großer Wahrscheinlichkeit nicht die eine Pille geben und die Krankheit ist geheilt. Die Entstehung von Alzheimer hat vermutlich unterschiedliche Ursachen, deshalb werden wir auch an unterschiedlichen Stellen ansetzen müssen. Es ist gut möglich, dass wir deshalb auch zu einer Differenzierung des Krankheitsbildes kommen werden, je mehr wir die Komplexität der Krankheit entschlüsseln. Bis wir die Krankheit heilen können, wird es also leider noch einige Zeit dauern.

Bis dahin arbeiten wir daran, den Ausbruch der Erkrankung hinauszögern oder in verschiedenen Erkrankungsphasen eine weitere Verlangsamung des Krankheitsverlaufs und eine Linderung der Symptome erreichen zu können. Derzeit wird sehr intensiv an der Erforschung von bestimmten Risikofaktoren und deren Vermeidung gearbeitet, und ich bin optimistisch, dass es in den nächsten Jahren hier zu neuen Ansätzen kommen wird, mit denen sich die Lebensqualität der Patienten deutlich verbessern lässt.

6. Es wird oft argumentiert, dass die Krebsforschung schon viel weiter ist. Kann man die Krebs- und die Alzheimer-Forschung überhaupt miteinander vergleichen?

Der Vergleich mit der Krebsforschung zeigt sehr gut, dass wir in der Alzheimer-Forschung noch gar nicht so weit sein können. Die Erkrankungsmechanismen bei Krebs sind zellbiologisch vergleichsweise sehr simpel: Grob gesagt sind die Regulationsmechanismen der Zellteilung gestört. Und obwohl die Vorgänge hier theoretisch relativ einfach sind, haben wir Krebs therapeutisch auch bei weitem noch nicht im Griff. Bei Alzheimer hingegen wissen wir noch nicht einmal, was auf der zellulären Programmebene gestört ist. Deshalb ist es auch so schwierig, einen Zeithorizont auszumachen, wann wir die Alzheimer-Krankheit heilen können.

7. Neben vielen neuen Erkenntnissen, die durch Forschung gewonnen wurden, gab es auch viele Rückschläge. Warum lohnt es sich trotzdem, unsere Forschungsförderung mit einer Spende zu unterstützen?

Weil wir Forschungsfreiheit brauchen, um Alzheimer zu heilen! Die Pharmaindustrie verfolgt einseitige Profitinteressen oder zieht sich ganz aus der Grundlagenforschung zurück. Deshalb ist die Arbeit der AFI so wichtig, denn wir fördern unabhängige Alzheimer-Forschung frei von ökonomischen Einflüssen. Und die brauchen wir dringend, um die Krankheit zu verstehen und Therapiemöglichkeiten zu finden. Spenden für die AFI sind eine sehr gute Investition in ein Leben ohne Alzheimer!

Weitere Informationen:

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