Können Medikamente Demenz auslösen?
Medikamente lösen keine Demenzerkrankung wie Alzheimer aus. Sie können jedoch demenzähnliche Symptome verursachen oder verstärken – insbesondere im höheren Lebensalter.
Viele Menschen werden aufmerksam, wenn sie bei sich selbst oder bei einem Familienmitglied Veränderungen im Denken, in der Orientierung oder im Verhalten bemerken. Dann lohnt es sich, auch die eingenommenen Medikamente in den Blick zu nehmen.
Diese Seite erklärt, wie Medikamente demenzähnliche Symptome verursachen können und warum eine sorgfältige Überprüfung der Medikation wichtig ist.

AFI
Demenzsymptome bedeuten nicht immer Alzheimer
Vergesslichkeit, Orientierungsprobleme oder Veränderungen im Verhalten können unterschiedliche Ursachen haben. Nicht jede dieser Veränderungen bedeutet Alzheimer.
In der Medizin spricht man von reversiblen Demenzen, wenn sich kognitive Beeinträchtigungen ganz oder teilweise zurückbilden können – vorausgesetzt, die zugrunde liegende Ursache wird erkannt und behandelt.
Mögliche Ursachen sind unter anderem Depressionen, Vitaminmangel oder bestimmte Erkrankungen des Gehirns. Auch Medikamente können demenzähnliche Symptome hervorrufen oder verstärken.
Bestimmte Wirkstoffe oder ihre Kombinationen können das Denken, die Orientierung oder das Verhalten beeinflussen, ohne dass eine Demenzerkrankung vorliegt. Deshalb gehört die Überprüfung der Medikation zur ärztlichen Abklärung neu auftretender oder sich verschlechternder Demenzsymptome.

Oporty/Canva
Delir: Eine oft übersehene Ursache
Ein Delir ist ein plötzlich auftretender Verwirrtheitszustand. Er entwickelt sich oft innerhalb kurzer Zeit, manchmal innerhalb weniger Stunden.
Die Auslöser für ein Delir sind vielfältig. Dazu zählen zum Beispiel schwere Erkrankungen, Infektionen, Operationen oder ein Aufenthalt im Krankenhaus. Auch Medikamente oder Änderungen in der Medikation können ein Delir auslösen.
Gerade bei älteren Menschen wird ein Delir nicht immer als vorübergehender Zustand erkannt. Weil die Symptome einer Demenz ähneln, werden sie manchmal fälschlich als Beginn oder Verschlechterung einer Demenzerkrankung gedeutet.
Deshalb ist es wichtig, bei plötzlich auftretenden oder rasch zunehmenden demenzähnlichen Symptomen auch an ein Delir zu denken und dies ärztlich überprüfen zu lassn.

Alican Lazutti/Canva
Was Studien und Fallberichte zeigen
In der Medizin gibt es seit vielen Jahren Hinweise darauf, dass bestimmte Medikamente das Denken beeinträchtigen können. Das betrifft vor allem ältere Menschen. Gemeint sind dabei Demenz-ähnliche Symptome, nicht die Entstehung einer Alzheimer-Erkrankung selbst.
- Ein bekanntes Fallbeispiel beschrieb der Neurologe Oliver Sacks: Bei einem Patienten war zunächst Alzheimer vermutet worden. Später zeigte sich jedoch, dass seine geistige Leistungsfähigkeit stabil geblieben war. Die zuvor aufgetretenen Symptome wurden rückblickend auf die Einnahme des Steroids Prednison zurückgeführt, das er wegen einer anderen Erkrankung eingenommen hatte.
- Auch zu Antibiotika aus der Gruppe der Fluorchinolone gibt es entsprechende Berichte. So wurde bei einer älteren Patientin nach der Einnahme von Moxifloxacin eine ausgeprägte Verwirrtheit mit anhaltenden demenzähnlichen Symptomen beobachtet.
- Darüber hinaus weisen Studien seit den 1990er-Jahren auf die besondere Bedeutung anticholinerger Medikamente hin, die beispielsweise bei Asthma, COPD, Reizdarmsyndrom, Parkinson, überaktiver Blase, Übelkeit, Erbrechen oder Schwindel verschrieben werden. Ihre Wirkstoffe beeinflussen Botenstoffsysteme im Gehirn, die für Aufmerksamkeit und Gedächtnis wichtig sind, und gelten als häufige Ursache akuter und chronischer Verwirrtheitszustände, insbesondere bei älteren Menschen. Große Beobachtungsstudien legen nahe, dass eine längerfristige Einnahme anticholinerger Medikamente mit einem erhöhten Risiko für spätere Demenzdiagnosen assoziiert sein kann.
Zusammenfassend zeigen diese Beobachtungen: Medikamente können unter bestimmten Umständen Symptome auslösen, die einer Demenz ähneln. Deshalb sollten sie bei der ärztlichen Abklärung immer mit berücksichtigt werden.
Wenn viele Medikamente zusammenkommen
Mit zunehmendem Alter steigt häufig die Zahl der eingenommenen Medikamente. Mehr als die Hälfte aller Menschen über 70 Jahre nehmen täglich fünf oder mehr Arzneimittel ein.
Je mehr Medikamente gleichzeitig eingenommen werden, desto größer ist das Risiko für Neben- und Wechselwirkungen. Wirkstoffe können sich gegenseitig verstärken oder abschwächen. Unerwünschte Effekte treten dann häufiger auf als bei jüngeren Menschen.
Problematisch ist, dass Veränderungen wie Unruhe, Schlafstörungen, depressive Symptome oder Verwirrtheit nicht immer als mögliche Folgen der Medikamente erkannt werden. Stattdessen werden sie manchmal als neue Erkrankung gedeutet.
In solchen Fällen kann es passieren, dass weitere Medikamente verschrieben werden, um diese Symptome zu behandeln. Fachleute sprechen dann von einer sogenannten Verschreibungskaskade. Der Medikamentenplan wird immer umfangreicher, während die eigentliche Ursache aus dem Blick gerät.
Um dies zu vermeiden, sollte bei kognitiven Veränderungen unbedingt geprüft werden, ob Anzahl, Kombination und Dosierung der Medikamente noch sinnvoll sind.

Santje09/Canva
Was können Betroffene und Angehörige tun?
Medikamente sind für viele ältere Menschen unverzichtbar. Sie behandeln Erkrankungen, lindern Beschwerden und tragen zur Lebensqualität bei. Die hier beschriebenen Erkenntnisse sind kein Grund, verordnete Medikamente eigenständig abzusetzen. Ein solcher Schritt kann die gesundheitliche Situation sogar deutlich verschlechtern.
Gleichzeitig können Medikamente bei älteren Menschen demenzähnliche Symptome auslösen oder verstärken können – besonders bei
- mehreren gleichzeitig eingenommenen Präparaten
- einer Neueinstellung oder Dosiserhöhung
- Wechselwirkungen zwischen Medikamenten.
Deshalb sollte der Medikamentenplan ärztlich überprüft werden, wenn sich Denken, Orientierung oder Verhalten verändern oder sich rasch verschlechtern. Auch in vielen Apotheken können Medikamentenpläne überprüft werden.
Nicht jede medizinische Maßnahme erhöht das Risiko für kognitive Probleme. Es gibt Hinweise darauf, dass bestimmte Behandlungen sogar mit einem niedrigeren Demenzrisiko einhergehen können. Studien deuten darauf hin, dass zum Beispiel die Gürtelroseimpfung mit einem geringeren Risiko für eine spätere Demenzdiagnose verbunden sein könnte.
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Quelle
Coupland, Carol A. C., et al. “Anticholinergic Drug Exposure and the Risk of Dementia.” JAMA Internal Medicine, vol. 179, no. 8, 2019, pp. 1084–1093.

Autorin
Dr. Anne Pfitzer-Bilsing
hat sich nach ihrem Studium der Biochemie an der Uni Düsseldorf während ihrer Doktorarbeit auf Amyloide spezialisiert. Seit 2024 leitet sie bei der AFI die Abteilung Wissenschaft.






