Ein aktueller Leitartikel von Forschenden der University of Cambridge fasst Studien aus mehreren Jahrzehnten zusammen. Das Ergebnis: Menschen, die regelmäßig in ihrer Freizeit lesen, bleiben im Durchschnitt geistig länger fit und entwickeln seltener kognitive Beeinträchtigungen oder eine Demenz. Bewiesen ist damit allerdings nicht, dass Lesen allein vor Demenz schützt.
Was zeigen Langzeitstudien?
Mehrere Studien haben ältere Menschen über viele Jahre begleitet und untersucht, wie sich geistig anregende Freizeitaktivitäten auf die geistige Leistungsfähigkeit auswirken.
Dabei zeigte sich: Menschen, die regelmäßig lesen, entwickelten im Durchschnitt seltener kognitive Beeinträchtigungen oder eine Demenz. In einer 14-jährigen Langzeitstudie aus Taiwan mit 1.962 Menschen über 64 Jahren war regelmäßiges Lesen – mindestens einmal pro Woche – mit einem geringeren Risiko für kognitiven Abbau verbunden.
Ähnliche Ergebnisse fanden Forschende in den USA. In einer Studie mit 801 älteren Ordensangehörigen, die durchschnittlich viereinhalb Jahre begleitet wurden, waren häufige geistig anregende Aktivitäten wie Lesen mit einem geringeren Alzheimer-Risiko verbunden. Auch die Bronx Aging Study in New York mit 469 Menschen ab 75 Jahren fand einen Zusammenhang zwischen Lesen und einem niedrigeren Demenzrisiko.
Wichtig ist: Solche Studien zeigen einen Zusammenhang. Sie beweisen nicht, dass Lesen allein eine Demenz verhindern kann.
Warum könnte Lesen dem Gehirn guttun?
Lesen ist für das Gehirn keine passive Beschäftigung. Wer liest, erkennt Wörter, erinnert sich an das bereits Gelesene, verfolgt Zusammenhänge und stellt sich Situationen oder Personen vor. Bei einem Roman kommen oft noch Perspektivwechsel hinzu: Was weiß diese Figur? Warum handelt sie so? Dabei werden Aufmerksamkeit, Gedächtnis und flexibles Denken gleichzeitig gefordert. Genau solche geistig anregenden Tätigkeiten könnten dazu beitragen, die sogenannte kognitive Reserve zu stärken.
Dabei werden verschiedene geistige Fähigkeiten gefordert, darunter Aufmerksamkeit, Gedächtnis sowie Planen, Entscheiden und flexibles Denken.
Auch Untersuchungen mit bildgebenden Verfahren zeigen Zusammenhänge zwischen Leseerfahrung und Veränderungen in Hirnregionen, die unter anderem für Aufmerksamkeit, emotionale Verarbeitung und soziale Fähigkeiten wichtig sind.
Lesen könnte zur kognitiven Reserve beitragen
Forschende vermuten, dass Lesen zur sogenannten kognitiven Reserve beitragen kann. Damit ist die Fähigkeit des Gehirns gemeint, alters- oder krankheitsbedingte Veränderungen eine Zeit lang besser auszugleichen.
Interessant ist dabei: Der Zusammenhang zwischen Lesen und besserer geistiger Leistungsfähigkeit zeigte sich auch bei Menschen mit geringerem Bildungsniveau. Einige positive Zusammenhänge blieben außerdem bestehen, wenn Faktoren wie die soziale Herkunft berücksichtigt wurden.
Das spricht dafür, dass nicht nur Schule oder Ausbildung für die geistige Fitness wichtig sind. Auch später im Leben können geistig anregende Freizeitaktivitäten das Gehirn fordern.
Lesen zum Spaß
Muss es anspruchsvolle Literatur sein? Nein. Im Artikel geht es ausdrücklich um Lesen zum Spaß. Ob Roman, Zeitschrift oder Comic ist dabei zweitrangig. Entscheidend ist eher, dass man freiwillig und regelmäßig liest.
Auch bei Kindern und Jugendlichen zeigen Studien Zusammenhänge zwischen Lesen aus Freude und besserer Aufmerksamkeit, Gedächtnisleistung und schulischen Leistungen. Außerdem wurden weniger psychische Probleme beobachtet. Für die Frage der Demenzprävention besonders interessant sind jedoch die Langzeituntersuchungen bei älteren Menschen.
Lesen kann auch dem Wohlbefinden guttun
In Befragungen berichten Erwachsene, dass Lesen ihnen dabei hilft, Stress abzubauen, sich besser in andere Menschen hineinzuversetzen und sich weniger einsam zu fühlen.
Solche Angaben beruhen auf Selbstauskünften und sind deshalb weniger aussagekräftig als Langzeitstudien. Sie zeigen aber, dass Lesen nicht nur mit geistiger Fitness, sondern auch mit psychischem Wohlbefinden verbunden sein kann.
Auch gemeinsames Lesen kann Vorteile haben. In Buchclubs kommt zur geistigen Anregung noch der soziale Austausch hinzu. Studien deuten darauf hin, dass gemeinsames Lesen das Wohlbefinden fördern und Einsamkeit verringern kann.
Kann Lesen also Demenz vorbeugen?
Lesen ist kein Schutzschild gegen Demenz. Aber die bisherigen Studien sprechen dafür, dass es zu den geistig anregenden Aktivitäten gehört, die mit einem gesünderen Altern des Gehirns verbunden sind. Wer ohnehin gerne liest, hat also einen guten Grund, dabei zu bleiben. Und wer bisher wenig liest, kann ohne Leistungsdruck ausprobieren, was Spaß macht – vom Krimi bis zur Zeitschrift.
Noch offen ist, wie groß der tatsächliche Effekt des Lesens ist und ob Menschen auch dann profitieren, wenn sie erst im höheren Alter regelmäßig damit beginnen. Genau diese Fragen wollen die Forschenden künftig genauer untersuchen.
Weitere Informationen:
Geistige Fitness im Alter: So senken Sie Ihr Demenzrisiko
Demenz vorbeugen – was die Hirngesundheit stärkt
Quelle: Sahakian BJ, Perrin V, Langley C. Reading and associations with brain health, cognition, well-being, and mental health. Psychological Medicine. 2026;56:e262. doi:10.1017/S0033291726105625





