Interview zum Thema Gehirnspende: „Pro Gehirn werden 100 bis 140 Proben entnommen“

Porträt von Prof. Dr. Manuela Neumann
  |   Forschung

Wie lässt sich die Alzheimer-Krankheit erforschen? Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler können je nach Fragestellung mit Probanden arbeiten, mit Tiermodellen, mit Zellkulturen oder auch mit Computersimulationen. Alle Möglichkeiten haben aber eine Gemeinsamkeit: Sie können eine direkte Untersuchung des menschlichen Gehirns nicht ersetzen. Für eine Erkrankung, die sich vorwiegend im Gehirn abspielt, ist die Untersuchung von menschlichem Hirngewebe aber unerlässlich. Deshalb haben sich so genannte Hirngewebebanken etabliert. In diesen „Brain Banks“ wird Gewebe von Spenderinnen und Spendern eingelagert, so dass Forscherinnen und Forscher dieses Material für ihre Arbeit nutzen können. Für Forschende sind diese Spenden von unschätzbarem Wert, um Erkrankungen wie Alzheimer besser zu verstehen.

Das Deutsche Zentrum für neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) baut derzeit eine Brain Bank auf, die von Prof. Dr. Manuela Neumann koordiniert wird. Die Neuropathologin forscht und lehrt am DZNE-Standort in Tübingen. Wir haben mit ihr über den Ablauf einer Gehirnspende gesprochen.

Lesen Sie dazu auch: „Viel besser, wenn man an menschlichem Material forschen kann“ – Interview mit dem Ehemann einer Gehirnspenderin.

Frage: Was ist eine Brain Bank?
Prof. Manuela Neumann: Eine Brain Bank ist eine Sammlung von Biomaterialien, also in diesem Fall Hirngewebe, das man nach dem Ableben einer Person im Rahmen einer Autopsie gewinnen kann. Wir fokussieren uns auf das Gewebe des zentralen Nervensystems, also Gehirn und Rückenmark. Vorrangig sammeln wir Hirngewebe von Personen mit neurodegenerativen Erkrankungen. Das Material wird natürlich detailliert neuropathologisch untersucht, um auch eine definitive Diagnose zu haben. Darüber hinaus wird Material auf verschiedene Arten aufbereitet und aufbewahrt. Pro Gehirn werden so ca. 100 bis 140 einzelne Proben hergestellt, die dann für Forschungszwecke weltweit verfügbar sind.  

Seit wann baut das DZNE eine Brain Bank auf?
Wir haben Mitte 2018 mit der Rekrutierung von Gewebespendern in die DZNE Brain Bank begonnen. Direkt involviert sind neben Tübingen die DZNE-Standorte in Bonn, Dresden, München und Rostock/Greifswald.

Benötigen Sie auch „gesunde“ Gehirne?
Wir könnten grundsätzlich genauso viele Gehirne von neurologisch gesunden Personen gebrauchen, wie von erkrankten Personen, um einen Vergleich zu ermöglichen. Das ist aber gar nicht so einfach. Idealerweise müsste eine gesunde Kontrollperson auch neurologisch untersucht worden sein, damit man eine kognitive Beeinträchtigung zu Lebzeiten ausschließen kann. Außerdem müssen natürlich die Gesunden erst einmal auf die Idee kommen, dass es eine Brain Bank gibt. Man macht sich ja als gesunder Mensch darüber sicherlich weniger Gedanken. Oftmals handelt es sich deshalb auch um Angehörige von Erkrankten, die in eine Gewebespende nach dem Tod einwilligen.

Wenden sich Erkrankte oder Angehörige von Menschen mit Alzheimer an Sie?
Bei der Alzheimer-Krankheit sind es zu einem ganz überwiegenden Teil die Angehörigen. Die Motivation ist unterschiedlich. Wir haben zum einen den Fall, dass der Erkrankte das frühzeitig ausdrücklich gewünscht hat und die Angehörigen diese Aufgabe übernehmen. Dann gibt es die Motivation, dass zu Lebzeiten keine eindeutige Diagnose der vorliegenden Demenz gestellt werden konnte. Durch die Untersuchung des Gehirns bekommen Angehörige eine Sicherheit, um welche Form der Demenz es sich wirklich gehandelt hat. Außerdem kann eine Motivation sein herauszufinden, ob eine genetische Komponente zur Erkrankung geführt hat. Einige Menschen haben auch einfach den Willen, die Forschung zu unterstützen.

Wie läuft eine Gehirnspende ab?
Zunächst einmal: Wer sich für eine Hirngewebespende interessiert, kann sich über unsere Homepage informieren und ggf. für ein Aufklärungsgespräch an die Hotline der DZNE Brain Bank unter 0160-7075146 wenden. Entscheidend für eine Spende ist eine schriftliche Einwilligung des Gewebespenders. Wenn dieser nicht mehr einwilligungsfähig ist, kann eine Einwilligung der Angehörigen entsprechend des mutmaßlichen Willens des Gewebespenders erfolgen. Das sollte idealerweise im Vorfeld erfolgen, um im konkreten Fall wertvolle Zeit zu sparen. Der registrierte Gewebespender bekommt dann einen Spenderausweis. Eine Einverständniserklärung zur Teilnahme kann selbstverständlich jederzeit ohne Nennung von Gründen widerrufen werden. Wenn der Spender verstirbt, nehmen die Hinterbliebenen Kontakt mit der Brain Bank auf und der Bestatter überführt den Verstorbenen in die Pathologie, wo die Teilautopsie durchgeführt wird. Hierbei wird das Gehirn und Rückenmark entnommen. Anschließend wird der Verstorbene zurück zum Bestattungsort überführt.  

Wie bleibt die Anonymität der Proben gewahrt?
Die Proben und erhobenen Daten werden pseudonymisiert. Das bedeutet, sie werden unter einer Nummer (Pseudonym) gespeichert und verwaltet. Wenn wir Proben abgeben, wird diese Nummer noch einmal in eine fortlaufende Nummer verwandelt, damit sind für den Wissenschaftler keinerlei Rückschlüsse auf die Identität des Gewebespenders möglich. Es handelt sich also um eine sogenannte doppelte Verschlüsselung. 

Welche Forscher können sich an eine Brain Bank wenden?
Primär unterstützen wir die DZNE-Forscher, darüber hinaus weitere Forscher in Deutschland und schließlich auch Forscher aus dem Ausland. Interessierte Forscher müssen eine schriftliche Projektdarstellung einreichen, zudem muss ein positives Ethikvotum für das geplante Projekt vorliegen. Forscher müssen nachvollziehbar begründen, welches Material in welcher Anzahl benötigt wird. Natürlich muss durch Vorarbeiten auch gezeigt werden, dass eine wissenschaftliche Grundlage vorhanden ist. Die schriftlichen Anträge werden von einem fünfköpfigen Gremium begutachtet. 

Wer trägt die Kosten?
Für den Gewebespender und die Hinterbliebenen des Gewebespenders entstehen durch eine Teilnahme keine Kosten. 

Wie viele Gehirnspenden erhalten Sie pro Jahr?
Wir sind noch im Aufbau. In diesem Jahr hatten wir trotz COVID-19 knapp 60 Gehirnspenden. Für die Zukunft streben wir etwa 100 bis 120 Gehirnspenden pro Jahr an. 

Weitere Informationen:

„Viel besser, wenn man an menschlichem Material forschen kann“ – Interview mit dem Ehemann einer Gehirnspenderin.

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Lesen Sie das bewegende Interview!

Zehn Jahre hat Christa Schneider ihre an Alzheimer erkrankte Mutter Trudi begleitet. In einem bewegenden Interview erzählt sie von ihren Erfahrungen mit der Krankheit. Ihr Fazit: vorbeugen so gut es geht und spenden für die Alzheimer-Forschung.

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