Alzheimer & Demenz bei Down-Syndrom (Trisomie 21)
Das Down-Syndrom, auch Trisomie 21 genannt, ist eine genetische Störung, die das Leben der Betroffenen in vielen Bereichen beeinflusst.
Was viele nicht wissen: Menschen mit Down-Syndrom haben auch ein deutlich erhöhtes Risiko für bestimmte Krankheiten, unter anderem für Alzheimer. Ihr Risiko, im Laufe des Lebens Alzheimer zu entwickeln, liegt bei Menschen mit Down-Syndrom sogar bei über 90 Prozent.
Warum Menschen mit Trisomie 21 so häufig an Alzheimer erkranken, wie sich ihr Krankheitsverlauf von dem anderer Menschen mit Demenz unterscheidet und was der aktuelle Stand der Forschung zu Alzheimer und Down-Syndrom ist, erfahren Sie hier.

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Was ist das Down-Syndrom (Trisomie 21)?
- Das Down-Syndrom bezeichnet eine Chromosomenstörung, bei der Betroffene in ihrem Erbgut eine zusätzliche, dritte Kopie des 21. Chromosoms haben, man spricht daher auch von Trisomie 21.
- Den Begriff Down-Syndrom hat sein Entdecker John Langdon Haydon Down geprägt, ein britischer Arzt, der die Genveränderung 1866 als erster beschrieb.
- Trisomie 21 beeinflusst die Entwicklung in verschiedenen Bereichen und wirkt sich unter anderem auch auf den Gesundheitsstatus aus, zum Beispiel auf das Risiko bestimmte Krankheiten zu entwickeln.
- Dank Forschung und moderner Medizin liegt die Lebenserwartung von Menschen mit Down-Syndrom heute bei rund 60 Jahren, teilweise werden sie auch bis zu 80 Jahre alt.
- In Deutschland leben etwa 50.000 Menschen mit Down-Syndrom, weltweit sind es etwa 5 Millionen Menschen.
Warum entwickeln Menschen mit Down-Syndrom so häufig Alzheimer?
Als Ursache für das erhöhte Alzheimer-Risiko bei Menschen mit Down-Syndrom wird das dreifache Vorkommen des 21. Chromosoms vermutet.
So kommen normalerweise alle Chromosomen als Paar, also jeweils zweifach vor. Bei Menschen mit Trisomie 21 liegt das Chromosom 21 jedoch dreifach vor. Da das Gen für das Amyloid-Vorläuferprotein (APP) auf dem 21. Chromosom liegt, kommt es also statt zweifach dreifach vor.
Aufgrund des dreifachen Chromosoms 21 wird deutlich mehr APP produziert, aus dem das schädliche Protein Amyloid-Beta (Aß) gebildet wird, das sich im Hirngewebe ablagert.
Mit zunehmender Ablagerung gehen immer mehr Verbindungen zwischen den Nervenzellen verloren und schließlich sterben die Nervenzellen ab.

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Gibt es auch Menschen mit Down-Syndrom, die nicht an Alzheimer erkranken?
Ja, aber dies ist sehr selten. In einem bestätigten Fall in den USA war bei einem Mann mit Trisomie 21 nicht das gesamte Chromosom 21 dreifach vorhanden, sondern nur ein Teil. Der Fachbegriff dafür lautet "partielle Trisomie 21".
Das Forschungsteam, das ihn untersuchte, stellte fest, dass der vorhandene Teil des Chromosoms 21 das Gen für das Amyloid-Vorläuferprotein APP nicht enthielt - und somit auch nicht vermehrt Amyloid-Vorläuferprotein APP gebildet wurde. Damit konnte die Theorie untermauert werden, dass die vermehrte Produktion von APP durch das dreifach vorhandene Chromosom 21 verursacht wird. Auch in neuropsychologischen Tests schnitt dieser Mann deutlich besser ab.
Bereits zuvor konnte ein anderes Team eine 78-jährige Frau mit partieller Trisomie 21 und nur zwei Kopien des APP-Gens untersuchen, die ebenfalls keine Anzeichen von Alzheimer zeigte. Die Daten, die aus diesen Fallstudien hervorgehen, können helfen, den Zusammenhang zwischen APP und Alzheimer besser zu verstehen.
Wie verläuft Demenz bei Menschen mit Down-Syndrom?
Die Unterschiede zwischen Menschen mit und ohne Down-Syndrom liegen vor allem im zeitlichen Verlauf der Erkrankung: Alzheimer-typische Veränderungen im Gehirn beginnen bei Menschen mit Down-Syndrom deutlich früher als bei Menschen ohne Trisomie 21.
Nach heutigem Kenntnisstand lassen sich erste krankheitstypische Veränderungen häufig bereits zwischen dem 35. und 40. Lebensjahr nachweisen. Die ersten demenziellen Symptome treten meist Anfang 50 auf.
Das Risiko, im Laufe des Lebens an Alzheimer zu erkranken, ist bei Menschen mit Down-Syndrom sehr hoch. Studien zeigen, dass ein Großteil der Menschen mit Trisomie 21 im höheren Lebensalter eine Alzheimer-Erkrankung entwickelt. Bei Menschen mit Down-Syndrom über 65 Jahren liegt die Häufigkeit der Erkrankung bei rund 90 bis 100 Prozent und damit deutlich höher als in der Gesamtbevölkerung.
Der zeitliche Verlauf der Erkrankung ist im Vergleich zur sporadischen Alzheimer-Erkrankung relativ gut vorhersehbar. Dadurch können Veränderungen frühzeitig beobachtet und medizinisch abgeklärt werden.

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Wie wird Alzheimer bei Menschen mit Down-Syndrom diagnostiziert?
Auch bei Menschen mit Down-Syndrom sind die ersten Symptome eine zunehmende Vergesslichkeit und Orientierungsprobleme. Da jedoch viele Aufgaben im Alltag von Menschen mit Down-Syndrom von Betreuungspersonen übernommen werden, werden diese ersten Symptome oft nicht bemerkt beziehungsweise der Behinderung zugeschrieben.
Hinzu kommt ein weiteres diagnostisches Problem: Die kognitiven Fähigkeiten von Menschen mit Down-Syndrom sind sehr unterschiedlich ausgeprägt. Ohne frühere Vergleichswerte ist es deshalb oft schwer zu beurteilen, ob eine Veränderung auf den Beginn einer Demenz hindeutet oder andere Ursachen hat.
Außerdem gibt es für ältere Menschen mit Down-Syndrom keine gleichaltrige Vergleichsgruppe ohne Alzheimer, weil die Erkrankung langfristig bei nahezu allen auftritt. Dadurch lassen sich viele standardisierte Testverfahren nur eingeschränkt übertragen.
Gibt es Kliniken, die sich auf Demenz bei Menschen mit Down-Syndrom spezialisiert haben?
Es gibt zwar einige Kliniken, die sich auf Menschen mit Down-Syndrom spezialisiert haben, diese konzentrieren sich aber oft nur auf die pränatale Diagnostik oder auf das Down-Syndrom bei Kindern. Leider gibt es bisher nur wenige Kliniken, die sich auch speziell mit älteren Menschen mit Down-Syndrom und der Diagnose Demenz beschäftigen. Eine dieser Kliniken befindet sich am LMU-Klinikum in München und wird von Prof. Dr. med. Johannes Levin geleitet.
Der Innovationsausschuss des Bundes führt derzeit das Versorgungsforschungsprojekt „DS-Demenz“ durch, in dem untersucht werden soll, welche Verbesserungen in der Versorgung, Diagnostik und Therapie von demenziellen Erkrankungen bei Menschen mit Down-Syndrom notwendig sind. Ziel des Projektes ist eine gezielte Handlungsempfehlung für den Gesetzgeber.
Zur Ambulanz "Alzheimer bei Down-Sydnrom" am LMU Klinikum in München
Alzheimer-Therapien bei Trisomie 21: aktueller Forschungsstand
In der medizinischen Versorgung sind Menschen mit einem Down-Syndrom deutlich benachteiligt. In großen Medikamentenstudien wurden sie nicht einbezogen, sodass für neue Therapien spezifische Daten zu Sicherheit und Anwendungsrisiko fehlen.
Es ist bereits von anderen Medikamenten, die bei der Alzheimer-Therapie angewendet werden, bekannt, dass Sie bei Menschen mit einem Down-Syndrom nur in anderen Dosierungen oder gar nicht angewendet werden können.
Umso wichtiger ist es, dass die Gruppe der Menschen mit einem Down-Syndrom bei klinischen Studien berücksichtigt wird. Auch in Präventionsstudien sind Menschen mit einem Down-Syndrom stark unterrepräsentiert, obwohl sie hierfür eine optimale Gruppe wären.
Gleichzeitig wächst das wissenschaftliche Interesse an dieser Risikogruppe. Forschende wie Prof. Dr. Johannes Levin arbeiten daran, die biologischen Zusammenhänge der Erkrankung besser zu verstehen und langfristig neue diagnostische und therapeutische Ansätze zu entwickeln.

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Eignen sich die neuen Antikörper-Therapien für Menschen mit Down Syndrom?
Neue Antikörper-Therapien wie Lecanemab und Donanemab lassen hoffen. Doch auch hier wurden Menschen mit Down-Syndrom in den klinischen Studien leider nicht berücksichtigt. In einer Anwendungsempfehlung für das Medikament Lecanemab (Leqembi) raten Fachleute aufgrund fehlender Daten derzeit von der Anwendung bei Menschen mit Down-Syndrom ab.
Grund dafür ist unter anderem die Sorge vor stärkeren Hirnblutungen als bei Menschen ohne Down-Syndrom. Einige Fachleute schließen eine individuelle Behandlung mit Lecanemab bei Menschen mit Down-Syndrom dennoch nicht grundsätzlich aus.
AFI-Forschungsprojekt:
Entstehung von Alzheimer bei Menschen mit Down-Syndrom
Interesse geweckt? Dann schauen Sie doch mal in das Forschungsprojekt von Prof. Levin zur Rolle von Entzündungsprozessen bei der Entstehung von Alzheimer bei Menschen mit Down-Syndrom:
Zum Forschungsprojekt

Autorin
Pia Ellissen, M.Sc.
hat ihren Master in Molekularbiologie am ZMBP Tübingen gemacht und anschließend in der Diagnostik gearbeitet. Seit 2023 arbeitet sie bei der AFI in der Abteilung Wissenschaft.
Quellen
Cummings, J., L. Apostolova, G. D. Rabinovici, et al. “Lecanemab: Appropriate Use Recommendations.” J Prev Alzheimers Dis, vol. 10, 2023, pp. 362–377.
Doran, E., D. Keator, E. Head, et al. “Down Syndrome, Partial Trisomy 21, and Absence of Alzheimer's Disease: The Role of APP.” J Alzheimers Dis, vol. 56, no. 2, 2017, pp. 459–470. doi:10.3233/JAD-160836.
Fortea, J., S. H. Zaman, S. Hartley, M. S. Rafii, E. Head, and M. Carmona-Iragui. “Alzheimer's Disease Associated with Down Syndrome: A Genetic Form of Dementia.” Lancet Neurol, vol. 20, no. 11, 2021, pp. 930–942. doi:10.1016/S1474-4422(21)00245-3.
Hoppen, T. “Bestandsaufnahme gut 150 Jahre nach der Erstbeschreibung.” Pädiatrie, vol. 33, no. 1, 2021, pp. 40–45. doi:10.1007/s15014-020-3657-2.
“‘Die Krankheit planbar machen.’” TAZ, 19 Apr. 2024.



