Infektionen und Alzheimer:
Welche Rolle spielen Viren und Bakterien?
Forschende haben Hinweise darauf gefunden, dass Entzündungen und Infektionskrankheiten bei der Entstehung von Alzheimer eine Rolle spielen könnten.
Die sogenannte Infektions-Hypothese untersucht, ob bestimmte Erreger langfristige Veränderungen im Gehirn fördern.
Die meisten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sehen Infektionen jedoch als möglichen Einflussfaktor unter vielen, nicht als direkte Ursache. Ein Ursache-Wirkungs-Zusammenhang mit Alzheimer ist bisher nicht bewiesen.

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Wie beeinflussen Entzündungen das Gehirn?
Neben dem Absterben von Nervenzellen und den Ablagerungen von Amyloid-Plaques und Tau-Fibrillen sind auch chronische Entzündungen im Gehirn ein typisches Merkmal der Alzheimer-Krankheit.
Entzündungen sind Reaktionen des Immunsystems. Sie können durch Krankheitserreger ausgelöst werden, aber auch durch geschädigtes Gewebe oder fehlgeleitete Immunprozesse. Bei langanhaltenden oder wiederkehrenden Infektionen können Entzündungsprozesse über längere Zeit bestehen. Das kann Zellen belasten, auch im Gehirn.
Die sogenannte Neuroinflammation, also eine Entzündung von Nervengewebe, wird schon länger als möglicher Faktor bei Alzheimer untersucht. Dabei stehen unter anderem Mikroglia im Fokus. Diese Immunzellen des Gehirns können schädliche Stoffe erkennen und abbauen. Bei Alzheimer sind sie jedoch häufig dauerhaft aktiv und setzen Entzündungsstoffe frei. Eine solche dauerhafte Aktivierung kann Nervenzellen zusätzlich schädigen.
Diese Entzündungsreaktionen haben Forschende dazu veranlasst, nach möglichen Auslösern zu suchen. Besonders im Fokus stehen Infektionen durch Herpesviren, Borrelien und bakterielle Entzündungen wie Parodontitis.
Können Herpesviren Alzheimer verursachen?
Herpesviren wie das Herpes-simplex-Virus (HSV) oder das Varizella-Zoster-Virus (VZV), der Erreger von Windpocken und Gürtelrose, stehen besonders im Fokus dieser Forschung. Die meisten Menschen infizieren sich im Laufe ihres Lebens mit Herpesviren. Danach verbleiben die Viren dauerhaft im Körper und können unter bestimmten Bedingungen wieder aktiv werden, etwa durch Stress, höheres Alter oder eine geschwächte Immunabwehr. Bei einer erneuten Aktivierung des Varizella-Zoster-Virus kann Gürtelrose entstehen.
Herpes-simplex-Virus und Amyloid-Plaques
Studien haben HSV-DNA im Hirngewebe einiger Menschen mit Alzheimer nachgewiesen. Eine Studie aus Großbritannien zeigte 2009, dass HSV-1-DNA häufig in räumlicher Nähe zu Amyloid-Plaques vorkam. Unklar ist jedoch, ob das Virus an der Entstehung der Plaques beteiligt ist oder ob die Plaques Virusbestandteile im Rahmen einer Immunreaktion binden. Spätere Studien konnten diese Ergebnisse nur teilweise bestätigen.
Herpes-Infektionen und Demenzrisiko
Auch Beobachtungsstudien weisen auf einen möglichen Zusammenhang hin. Eine taiwanesische Studie aus dem Jahr 2018 zeigte, dass Menschen mit klinisch dokumentierter HSV-Infektion häufiger an Demenz erkrankten. Eine Behandlung der Herpes-Infektion war in dieser Studie mit einem geringeren späteren Demenzrisiko verbunden. Solche Ergebnisse sind jedoch schwer zu bewerten, weil sich fast alle Menschen im Laufe ihres Lebens mit Herpesviren infizieren und viele Infektionen nicht dokumentiert werden.
Ob Herpesviren nicht nur mit dem Erkrankungsrisiko, sondern auch mit dem Verlauf von Alzheimer zusammenhängen könnten, wird weiter erforscht. Die Alzheimer Forschung Initiative fördert dazu zwei Projekte: Dr. Agnieszka Rybak-Wolf untersucht, wie das Herpes-simplex-Virus 1 und die Genvariante ApoE4 zusammenwirken könnten. Dr. Oliver Goldhardt erforscht, ob Herpesviren den Verlauf der Alzheimer-Krankheit beeinflussen können.
Mehr zum Forschungsprojekt von Dr. Agnieszka Rybak-Wolf
Mehr zum Forschungsprojekt von Dr. Oliver Goldhardt
Gürtelrose-Impfung und Demenz
Für das Varizella-Zoster-Virus gibt es eine Impfung. Sie schützt vor einer Reaktivierung des Virus und damit vor Gürtelrose und möglichen schweren Folgen. Neuere Studien untersuchen, ob die Impfung auch mit einem geringeren Demenzrisiko verbunden sein könnte. In einer 2025 veröffentlichten Bevölkerungsstudie aus Wales war das Demenzrisiko bei geimpften Personen um rund 20 Prozent geringer als bei nicht geimpften Personen.
Eine ausführliche Einordnung finden Sie auf unserer Seite zur Gürtelrose-Impfung und Demenz.
Was ist bisher nicht bewiesen?
Die Studien sprechen für einen möglichen Zusammenhang zwischen Herpesviren und Alzheimer. Sie beweisen jedoch nicht, dass Herpesviren Alzheimer direkt verursachen.
Aktuell wird untersucht, ob antivirale Medikamente das Alzheimer-Risiko oder den Krankheitsverlauf beeinflussen könnten. Auch der mögliche Zusammenhang zwischen Impfungen gegen das Varizella-Zoster-Virus und einem geringeren Demenzrisiko wird weiter erforscht.
Können Borrelien Alzheimer verursachen?
Auch Borrelien wurden als möglicher Einflussfaktor auf die Entstehung der Alzheimer-Krankheit untersucht. Borrelien sind Bakterien, die durch Zecken übertragen werden und eine Lyme-Borreliose auslösen können. Erreichen sie das zentrale Nervensystem, spricht man von einer Neuroborreliose. Diese kann starke Immunreaktionen auslösen und auch das Gehirn betreffen.
Im Verlauf einer Neuroborreliose können demenzähnliche Symptome auftreten, zum Beispiel Gedächtnisprobleme oder Verwirrtheit. Bei rechtzeitiger Behandlung mit Antibiotika können sich diese Beschwerden zumindest teilweise zurückbilden. Es handelt sich dabei jedoch nicht um eine Alzheimer-Demenz oder eine andere nicht umkehrbare Demenzform.
Einige ältere Studien berichteten über den Nachweis von Borrelien im Gehirn von Menschen mit Alzheimer. Diese Ergebnisse konnten in späteren Studien meist nicht bestätigt werden. Bisher gibt es keine überzeugenden wissenschaftlichen Nachweise dafür, dass Borrelien Alzheimer direkt verursachen. Diskutiert wird allenfalls, ob Entzündungsreaktionen bei einer Neuroborreliose langfristig neurodegenerative Prozesse beeinflussen könnten. Dafür gibt es bislang aber nur begrenzte Hinweise.
Parodontitis: Mundgesundheit und Alzheimer
Auch Parodontitis wird im Zusammenhang mit Alzheimer untersucht. Dabei handelt es sich um eine chronische Entzündung des Zahnhalteapparats, an der verschiedene Bakterien beteiligt sind. Besonders im Fokus steht der Erreger Porphyromonas gingivalis.
Studien haben Bestandteile dieses Erregers und sogenannte Gingipaine im Hirngewebe von Menschen mit Alzheimer nachgewiesen. Außerdem zeigen Beobachtungsstudien Zusammenhänge zwischen Parodontitis, schlechter Mundgesundheit und einem erhöhten Alzheimer-Risiko. Ob Parodontitis Alzheimer direkt verursacht, ist jedoch unklar.
Mehr dazu lesen Sie auf unserer Seite Parodontose und Alzheimer: Gibt es einen Zusammenhang?
Welche weiteren Erreger werden untersucht?
Neben Herpesviren, Borrelien und Parodontitis-Erregern werden weitere Erreger und Infektionskrankheiten im Zusammenhang mit Alzheimer untersucht. Dazu zählen zum Beispiel Chlamydia pneumoniae, verschiedene Pilze oder das Epstein-Barr-Virus.
Für die meisten dieser Erreger gibt es bislang jedoch keine überzeugenden oder nur widersprüchliche Hinweise darauf, dass sie das Alzheimer-Risiko erhöhen.
Macht Alzheimer anfälliger für Infektionen?
Menschen mit Alzheimer können im Verlauf der Erkrankung anfälliger für Infektionen werden oder schwerere Verläufe haben. Mögliche Gründe sind alters- und krankheitsbedingte Veränderungen des Immunsystems, geringere Mobilität oder Schluckbeschwerden. Schluckbeschwerden können zum Beispiel das Risiko für Lungenentzündungen erhöhen.
Ein weiterer Faktor könnten Veränderungen der Blut-Hirn-Schranke sein. Sie schützt das Gehirn normalerweise vor Krankheitserregern und schädlichen Stoffen aus dem Blut. Entzündungsprozesse können diese Barriere durchlässiger machen. Dadurch könnten Erreger oder Bestandteile von Erregern leichter ins Gehirn gelangen.
Eine veränderte Blut-Hirn-Schranke wird daher als eine mögliche Erklärung dafür diskutiert, warum bei manchen Menschen mit Alzheimer virale oder bakterielle Bestandteile im Gehirn nachweisbar sind. Ob diese Mikroorganismen zur Erkrankung beitragen oder infolge der Erkrankung leichter in das Gehirn gelangen, ist bislang ungeklärt.
Weitere Informationen:
Alzheimer- und Demenzforschung aktuell: Neue Studien und Erkenntnisse
Quellen
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Weitere Informationen
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